Studierzimmer
Faust. Mephistopheles.
FAUST:
Es klopft? Herein! Wer will mich wieder plagen?
MEPHISTOPHELES:
Ich bin's.
FAUST:
Herein!
MEPHISTOPHELES:
Du mußt es dreimal sagen.
FAUST:
Herein denn!
MEPHISTOPHELES:
So gefällst du mir.
Wir werden, hoff ich, uns vertragen;
Denn dir die Grillen zu verjagen,
Bin ich als edler Junker hier,
In rotem, goldverbrämtem Kleide,
Das Mäntelchen von starrer Seide,
Die Hahnenfeder auf dem Hut,
Mit einem langen, spitzen Degen,
Und rate nun dir, kurz und gut,
Dergleichen gleichfalls anzulegen;
Damit du, losgebunden, frei,
Erfahrest, was das Leben sei.
FAUST:
In jedem Kleide werd ich wohl die Pein
Des engen Erdelebens fühlen.
Ich bin zu alt, um nur zu spielen,
Zu jung, um ohne Wunsch zu sein.
Was kann die Welt mir wohl gewähren?
Entbehren sollst du! sollst entbehren!
Das ist der ewige Gesang,
Der jedem an die Ohren klingt,
Den, unser ganzes Leben lang,
Uns heiser jede Stunde singt.
Nur mit Entsetzen wach ich morgens auf,
Ich möchte bittre Tränen weinen,
Den Tag zu sehn, der mir in seinem Lauf
Nicht einen Wunsch erfüllen wird, nicht einen,
Der selbst die Ahnung jeder Lust
Mit eigensinnigem Krittel mindert,
Die Schöpfung meiner regen Brust
Mit tausend Lebensfratzen hindert.
Auch muß ich, wenn die Nacht sich niedersenkt,
Mich ängstlich auf das Lager strecken;
Auch da wird keine Rast geschenkt,
Mich werden wilde Träume schrecken.
Der Gott, der mir im Busen wohnt,
Kann tief mein Innerstes erregen;
Der über allen meinen Kräften thront,
Er kann nach außen nichts bewegen;
Und so ist mir das Dasein eine Last,
Der Tod erwünscht, das Leben mir verhaßt.
MEPHISTOPHELES:
Und doch ist nie der Tod ein ganz willkommner Gast.
FAUST:
O selig der, dem er im Siegesglanze
Die blut'gen Lorbeern um die Schläfe windet,
Den er, nach rasch durchrastem Tanze,
In eines Mädchens Armen findet!
O wär ich vor des hohen Geistes Kraft
Entzückt, entseelt dahin gesunken!
MEPHISTOPHELES:
Und doch hat jemand einen braunen Saft,
In jener Nacht, nicht ausgetrunken.
FAUST:
Das Spionieren, scheint's, ist deine Lust.
MEPHISTOPHELES:
Allwissend bin ich nicht; doch viel ist mir bewußt.
FAUST:
Wenn aus dem schrecklichen Gewühle
Ein süß bekannter Ton mich zog,
Den Rest von kindlichem Gefühle
Mit Anklang froher Zeit betrog,
So fluch ich allem, was die Seele
Mit Lock- und Gaukelwerk umspannt,
Und sie in diese Trauerhöhle
Mit Blend- und Schmeichelkräften bannt!
Verflucht voraus die hohe Meinung
Womit der Geist sich selbst umfängt!
Verflucht das Blenden der Erscheinung,
Die sich an unsre Sinne drängt!
Verflucht, was uns in Träumen heuchelt
Des Ruhms, der Namensdauer Trug!
Verflucht, was als Besitz uns schmeichelt,
Als Weib und Kind, als Knecht und Pflug!
Verflucht sei Mammon, wenn mit Schätzen
Er uns zu kühnen Taten regt,
Wenn er zu müßigem Ergetzen
Die Polster uns zurechte legt!
Fluch sei dem Balsamsaft der Trauben!
Fluch jener höchsten Liebeshuld!
Fluch sei der Hoffnung! Fluch dem Glauben,
Und Fluch vor allen der Geduld!
GEISTERCHOR unsichtbar:
Weh! weh!
Du hast sie zerstört
Die schöne Welt,
Mit mächtiger Faust;
Sie stürzt, sie zerfällt!
Ein Halbgott hat sie zerschlagen!
Wir tragen
Die Trümmern ins Nichts hinüber,
Und klagen
Über die verlorne Schöne.
Mächtiger
Der Erdensöhne,
Prächtiger
Baue sie wieder,
In deinem Busen baue sie auf!
Neuen Lebenslauf
Beginne,
Mit hellem Sinne,
Und neue Lieder
Tönen darauf!
MEPHISTOPHELES:
Dies sind die Kleinen
Von den Meinen.
Höre, wie zu Lust und Taten
Altklug sie raten!
In die Welt weit,
Aus der Einsamkeit
Wo Sinnen und Säfte stocken,
Wollen sie dich locken.
Hör auf, mit deinem Gram zu spielen,
Der, wie ein Geier, dir am Leben frißt;
Die schlechteste Gesellschaft läßt dich fühlen,
Daß du ein Mensch mit Menschen bist.
Doch so ist's nicht gemeint
Dich unter das Pack zu stoßen.
Ich bin keiner von den Großen;
Doch willst du, mit mir vereint,
Deine Schritte durchs Leben nehmen,
So will ich mich gern bequemen,
Dein zu sein, auf der Stelle.
Ich bin dein Geselle,
Und mach ich dir's recht,
Bin ich dein Diener, bin dein Knecht!
FAUST:
Und was soll ich dagegen dir erfüllen?
MEPHISTOPHELES:
Dazu hast du noch eine lange Frist.
FAUST:
Nein, nein! der Teufel ist ein Egoist
Und tut nicht leicht um Gottes willen,
Was einem andern nützlich ist.
Sprich die Bedingung deutlich aus;
Ein solcher Diener bringt Gefahr ins Haus.
MEPHISTOPHELES:
Ich will mich hier zu deinem Dienst verbinden,
Auf deinen Wink nicht rasten und nicht ruhn;
Wenn wir uns drüben wiederfinden,
So sollst du mir das gleiche tun.
FAUST:
Das Drüben kann mich wenig kümmern;
Schlägst du erst diese Welt zu Trümmern,
Die andre mag darnach entstehn.
Aus dieser Erde quillen meine Freuden,
Und diese Sonne scheinet meinen Leiden;
Kann ich mich erst von ihnen scheiden,
Dann mag, was will und kann, geschehn.
Davon will ich nichts weiter hören,
Ob man auch künftig haßt und liebt,
Und ob es auch in jenen Sphären
Ein Oben oder Unten gibt.
MEPHISTOPHELES:
In diesem Sinne kannst du's wagen.
Verbinde dich; du sollst, in diesen Tagen,
Mit Freuden meine Künste sehn,
Ich gebe dir, was noch kein Mensch gesehn.
FAUST:
Was willst du armer Teufel geben?
Ward eines Menschen Geist, in seinem hohen Streben,
Von deinesgleichen je gefaßt?
Doch hast du Speise, die nicht sättigt, hast
Du rotes Gold, das ohne Rast,
Quecksilber gleich, dir in der Hand zerrinnt,
Ein Spiel, bei dem man nie gewinnt,
Ein Mädchen, das an meiner Brust
Mit Äugeln schon dem Nachbar sich verbindet,
Der Ehre schöne Götterlust,
Die, wie ein Meteor, verschwindet?
Zeig mir die Frucht, die fault, eh man sie bricht,
Und Bäume, die sich täglich neu begrünen!
MEPHISTOPHELES:
Ein solcher Auftrag schreckt mich nicht,
Mit solchen Schätzen kann ich dienen.
Doch, guter Freund, die Zeit kommt auch heran,
Wo wir was Guts in Ruhe schmausen mögen.
FAUST:
Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,
So sei es gleich um mich getan!
Kannst du mich schmeichelnd je belügen,
Daß ich mir selbst gefallen mag,
Kannst du mich mit Genuß betrügen-
Das sei für mich der letzte Tag!
Die Wette biet ich!
MEPHISTOPHELES:
Topp!
FAUST:
Und Schlag auf Schlag!
Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!
Dann mag die Totenglocke schallen,
Dann bist du deines Dienstes frei,
Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen,
Es sei die Zeit für mich vorbei!
MEPHISTOPHELES:
Bedenk es wohl, wir werden's nicht vergessen.
FAUST:
Dazu hast du ein volles Recht;
Ich habe mich nicht freventlich vermessen.
Wie ich beharre, bin ich Knecht,
Ob dein, was frag ich, oder wessen.
MEPHISTOPHELES:
Ich werde heute gleich, beim Doktorschmaus,
Als Diener meine Pflicht erfüllen.
Nur eins!- Um Lebens oder Sterbens willen
Bitt ich mir ein paar Zeilen aus.
FAUST:
Auch was Geschriebnes forderst du Pedant?
Hast du noch keinen Mann, nicht Manneswort gekannt?
Ist's nicht genug, daß mein gesprochnes Wort
Auf ewig soll mit meinen Tagen schalten?
Rast nicht die Welt in allen Strömen fort,
Und mich soll ein Versprechen halten?
Doch dieser Wahn ist uns ins Herz gelegt,
Wer mag sich gern davon befreien?
Beglückt, wer Treue rein im Busen trägt,
Kein Opfer wird ihn je gereuen!
Allein ein Pergament, beschrieben und beprägt,
Ist ein Gespenst, vor dem sich alle scheuen.
Das Wort erstirbt schon in der Feder,
Die Herrschaft führen Wachs und Leder.
Was willst du böser Geist von mir?
Erz, Marmor, Pergament, Papier?
Soll ich mit Griffel, Meißel, Feder schreiben?
Ich gebe jede Wahl dir frei.
MEPHISTOPHELES:
Wie magst du deine Rednerei
Nur gleich so hitzig übertreiben?
Ist doch ein jedes Blättchen gut.
Du unterzeichnest dich mit einem Tröpfchen Blut.
FAUST:
Wenn dies dir völlig Gnüge tut,
So mag es bei der Fratze bleiben.
MEPHISTOPHELES:
Blut ist ein ganz besondrer Saft.
FAUST:
Nur keine Furcht, daß ich dies Bündnis breche!
Das Streben meiner ganzen Kraft
Ist grade das, was ich verspreche.
Ich habe mich zu hoch gebläht,
In deinen Rang gehör ich nur.
Der große Geist hat mich verschmäht,
Vor mir verschließt sich die Natur
Des Denkens Faden ist zerrissen
Mir ekelt lange vor allem Wissen.
Laß in den Tiefen der Sinnlichkeit
Uns glühende Leidenschaften stillen!
In undurchdrungnen Zauberhüllen
Sei jedes Wunder gleich bereit!
Stürzen wir uns in das Rauschen der Zeit,
Ins Rollen der Begebenheit!
Da mag denn Schmerz und Genuß,
Gelingen und Verdruß
Miteinander wechseln, wie es kann;
Nur rastlos betätigt sich der Mann.
MEPHISTOPHELES:
Euch ist kein Maß und Ziel gesetzt.
Beliebt's Euch, überall zu naschen,
Im Fliehen etwas zu erhaschen,
Bekomm Euch wohl, was Euch ergetzt.
Nur greift mir zu und seid nicht blöde!
FAUST:
Du hörest ja, von Freud' ist nicht die Rede.
Dem Taumel weih ich mich, dem schmerzlichsten Genuß,
Verliebtem Haß, erquickendem Verdruß.
Mein Busen, der vom Wissensdrang geheilt ist,
Soll keinen Schmerzen künftig sich verschließen,
Und was der ganzen Menschheit zugeteilt ist,
Will ich in meinem innern Selbst genießen,
Mit meinem Geist das Höchst' und Tiefste greifen,
Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen häufen,
Und so mein eigen Selbst zu ihrem Selbst erweitern,
Und, wie sie selbst, am End auch ich zerscheitern.
MEPHISTOPHELES:
O glaube mir, der manche tausend Jahre
An dieser harten Speise kaut
Daß von der Wiege bis zur Bahre
Kein Mensch den alten Sauerteig verdaut!
Glaub unsereinem, dieses Ganze
Ist nur für einen Gott gemacht!
Er findet sich in einem ew'gen Glanze
Uns hat er in die Finsternis gebracht,
Und euch taugt einzig Tag und Nacht.
FAUST:
Allein ich will!
MEPHISTOPHELES:
Das läßt sich hören!
Doch nur vor einem ist mir bang:
Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang.
Ich dächt, ihr ließet Euch belehren.
Assoziiert Euch mit einem Poeten,
Laßt den Herrn in Gedanken schweifen,
Und alle edlen Qualitäten
Auf Euren Ehrenscheitel häufen,
Des Löwen Mut,
Des Hirsches Schnelligkeit,
Des Italieners feurig Blut,
Des Nordens Dau'rbarkeit.
Laßt ihn Euch das Geheimnis finden,
Großmut und Arglist zu verbinden,
Und Euch, mit warmen Jugendtrieben,
Nach einem Plane zu verlieben.
Möchte selbst solch einen Herren kennen,
Würd ihn Herrn Mikrokosmus nennen.
FAUST:
Was bin ich denn, wenn es nicht möglich ist,
Der Menschheit Krone zu erringen,
Nach der sich alle Sinne dringen?
MEPHISTOPHELES:
Du bist am Ende- was du bist.
Setz dir Perücken auf von Millionen Locken,
Setz deinen Fuß auf ellenhohe Socken,
Du bleibst doch immer, was du bist.
FAUST:
Ich fühl's, vergebens hab ich alle Schätze
Des Menschengeists auf mich herbeigerafft,
Und wenn ich mich am Ende niedersetze,
Quillt innerlich doch keine neue Kraft;
Ich bin nicht um ein Haar breit höher,
Bin dem Unendlichen nicht näher.
MEPHISTOPHELES:
Mein guter Herr, Ihr seht die Sachen,
Wie man die Sachen eben sieht;
Wir müssen das gescheiter machen,
Eh uns des Lebens Freude flieht.
Was Henker! freilich Händ und Füße
Und Kopf und Hintern, die sind dein;
Doch alles, was ich frisch genieße,
Ist das drum weniger mein?
Wenn ich sechs Hengste zahlen kann,
Sind ihre Kräfte nicht die meine?
Ich renne zu und bin ein rechter Mann,
Als hätt ich vierundzwanzig Beine.
Drum frisch! Laß alles Sinnen sein,
Und grad mit in die Welt hinein!
Ich sag es dir: ein Kerl, der spekuliert,
Ist wie ein Tier, auf dürrer Heide
Von einem bösen Geist im Kreis herum geführt,
Und rings umher liegt schöne grüne Weide.
FAUST:
Wie fangen wir das an?
MEPHISTOPHELES:
Wir gehen eben fort. Was ist das für ein Marterort?
Was heißt das für ein Leben führen,
Sich und die Jungens ennuyieren?
Laß du das dem Herrn Nachbar Wanst!
Was willst du dich das Stroh zu dreschen plagen?
Das Beste, was du wissen kannst,
Darfst du den Buben doch nicht sagen.
Gleich hör ich einen auf dem Gange!
FAUST:
Mir ist's nicht möglich, ihn zu sehn.
MEPHISTOPHELES:
Der arme Knabe wartet lange,
Der darf nicht ungetröstet gehn.
Komm, gib mir deinen Rock und Mütze;
Die Maske muß mir köstlich stehn. Er kleidet sich um.
Nun überlaß es meinem Witze!
Ich brauche nur ein Viertelstündchen Zeit;
Indessen mache dich zur schönen Fahrt bereit!
Faust ab.
MEPHISTOPHELES in Fausts langem Kleide:
Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
Des Menschen allerhöchste Kraft,
Laß nur in Blend- und Zauberwerken
Dich von dem Lügengeist bestärken,
So hab ich dich schon unbedingt-
Ihm hat das Schicksal einen Geist gegeben,
Der ungebändigt immer vorwärts dringt,
Und dessen übereiltes Streben
Der Erde Freuden überspringt.
Den schlepp ich durch das wilde Leben,
Durch flache Unbedeutenheit,
Er soll mir zappeln, starren, kleben,
Und seiner Unersättlichkeit
Soll Speis und Trank vor gier'gen Lippen schweben;
Er wird Erquickung sich umsonst erflehn,
Und hätt er sich auch nicht dem Teufel übergeben,
Er müßte doch zugrunde gehn!
Ein SCHÜLER tritt auf.
SCHÜLER:
Ich bin allhier erst kurze Zeit,
Und komme voll Ergebenheit,
Einen Mann zu sprechen und zu kennen,
Den alle mir mit Ehrfucht nennen.
MEPHISTOPHELES:
Eure Höflichkeit erfreut mich sehr!
Ihr seht einen Mann wie andre mehr.
Habt Ihr Euch sonst schon umgetan?
SCHÜLER:
Ich bitt Euch, nehmt Euch meiner an!
Ich komme mit allem guten Mut,
Leidlichem Geld und frischem Blut;
Meine Mutter wollte mich kaum entfernen;
Möchte gern was Rechts hieraußen lernen.
MEPHISTOPHELES:
Da seid Ihr eben recht am Ort.
SCHÜLER:
Aufrichtig, möchte schon wieder fort:
In diesen Mauern, diesen Hallen
Will es mir keineswegs gefallen.
Es ist ein gar beschränkter Raum,
Man sieht nichts Grünes, keinen Baum,
Und in den Sälen, auf den Bänken,
Vergeht mir Hören, Sehn und Denken.
MEPHISTOPHELES:
Das kommt nur auf Gewohnheit an.
So nimmt ein Kind der Mutter Brust
Nicht gleich im Anfang willig an,
Doch bald ernährt es sich mit Lust.
So wird's Euch an der Weisheit Brüsten
Mit jedem Tage mehr gelüsten.
SCHÜLER:
An ihrem Hals will ich mit Freuden hangen;
Doch sagt mir nur, wie kann ich hingelangen?
MEPHISTOPHELES:
Erklärt Euch, eh Ihr weiter geht,
Was wählt Ihr für eine Fakultät?
SCHÜLER:
Ich wünschte recht gelehrt zu werden,
Und möchte gern, was auf der Erden
Und in dem Himmel ist, erfassen,
Die Wissenschaft und die Natur.
MEPHISTOPHELES:
Da seid Ihr auf der rechten Spur;
Doch müßt Ihr Euch nicht zerstreuen lassen.
SCHÜLER:
Ich bin dabei mit Seel und Leib;
Doch freilich würde mir behagen
Ein wenig Freiheit und Zeitvertreib
An schönen Sommerfeiertagen.
MEPHISTOPHELES:
Gebraucht der Zeit, sie geht so schnell von hinnen,
Doch Ordnung lehrt Euch Zeit gewinnen.
Mein teurer Freund, ich rat Euch drum
Zuerst Collegium Logicum.
Da wird der Geist Euch wohl dressiert,
In spanische Stiefeln eingeschnürt,
Daß er bedächtiger so fortan
Hinschleiche die Gedankenbahn,
Und nicht etwa, die Kreuz und Quer,
Irrlichteliere hin und her.
Dann lehret man Euch manchen Tag,
Daß, was Ihr sonst auf einen Schlag
Getrieben, wie Essen und Trinken frei,
Eins! Zwei! Drei! dazu nötig sei.
Zwar ist's mit der Gedankenfabrik
Wie mit einem Weber-Meisterstück,
Wo ein Tritt tausend Fäden regt,
Die Schifflein herüber hinüber schießen,
Die Fäden ungesehen fließen,
Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.
Der Philosoph, der tritt herein
Und beweist Euch, es müßt so sein:
Das Erst wär so, das Zweite so,
Und drum das Dritt und Vierte so;
Und wenn das Erst und Zweit nicht wär,
Das Dritt und Viert wär nimmermehr.
Das preisen die Schüler allerorten,
Sind aber keine Weber geworden.
Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben,
Sucht erst den Geist heraus zu treiben,
Dann hat er die Teile in seiner Hand,
Fehlt, leider! nur das geistige Band.
Encheiresin naturae nennt's die Chemie,
Spottet ihrer selbst und weiß nicht wie.
SCHÜLER:
Kann Euch nicht eben ganz verstehen.
MEPHISTOPHELES:
Das wird nächstens schon besser gehen,
Wenn Ihr lernt alles reduzieren
Und gehörig klassifizieren.
SCHÜLER:
Mir wird von alledem so dumm,
Als ging, mir ein Mühlrad im Kopf herum.
MEPHISTOPHELES:
Nachher, vor allen andern Sachen,
Müßt Ihr Euch an die Metaphysik machen!
Da seht, daß Ihr tiefsinnig faßt,
Was in des Menschen Hirn nicht paßt;
Für was drein geht und nicht drein geht,
Ein prächtig Wort zu Diensten steht.
Doch vorerst dieses halbe Jahr
Nehmt ja der besten Ordnung wahr.
Fünf Stunden habt Ihr jeden Tag;
Seid drinnen mit dem Glockenschlag!
Habt Euch vorher wohl präpariert,
Paragraphos wohl einstudiert,
Damit Ihr nachher besser seht,
Daß er nichts sagt, als was im Buche steht;
Doch Euch des Schreibens ja befleißt,
Als diktiert, Euch der Heilig Geist!
SCHÜLER:
Das sollt Ihr mir nicht zweimal sagen!
Ich denke mir, wie viel es nützt
Denn, was man schwarz auf weiß besitzt,
Kann man getrost nach Hause tragen.
MEPHISTOPHELES:
Doch wählt mir eine Fakultät!
SCHÜLER:
Zur Rechtsgelehrsamkeit kann ich mich nicht bequemen.
MEPHISTOPHELES:
Ich kann es Euch so sehr nicht übel nehmen,
Ich weiß, wie es um diese Lehre steht.
Es erben sich Gesetz' und Rechte
Wie eine ew'ge Krankheit fort;
Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte,
Und rücken sacht von Ort zu Ort.
Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage;
Weh dir, daß du ein Enkel bist!
Vom Rechte, das mit uns geboren ist,
Von dem ist, leider! nie die Frage.
SCHÜLER:
Mein Abscheu wird durch Euch vermehrt.
O glücklich der, den Ihr belehrt!
Fast möcht ich nun Theologie studieren.
MEPHISTOPHELES:
Ich wünschte nicht, Euch irre zu führen.
Was diese Wissenschaft betrifft,
Es ist so schwer, den falschen Weg zu meiden,
Es liegt in ihr so viel verborgnes Gift,
Und von der Arzenei ist's kaum zu unterscheiden.
Am besten ist's auch hier, wenn Ihr nur einen hört,
Und auf des Meisters Worte schwört.
Im ganzen- haltet Euch an Worte!
Dann geht Ihr durch die sichre Pforte
Zum Tempel der Gewißheit ein.
SCHÜLER:
Doch ein Begriff muß bei dem Worte sein.
MEPHISTOPHELES:
Schon gut! Nur muß man sich nicht allzu ängstlich quälen
Denn eben wo Begriffe fehlen,
Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
Mit Worten läßt sich trefflich streiten,
Mit Worten ein System bereiten,
An Worte läßt sich trefflich glauben,
Von einem Wort läßt sich kein Jota rauben.
SCHÜLER:
Verzeiht, ich halt Euch auf mit vielen Fragen,
Allem ich muß Euch noch bemühn.
Wollt Ihr mir von der Medizin
Nicht auch ein kräftig Wörtchen sagen?
Drei Jahr ist eine kurze Zeit,
Und, Gott! das Feld ist gar zu weit.
Wenn man einen Fingerzeig nur hat,
Läßt sich's schon eher weiter fühlen.
MEPHISTOPHELES für sich:
Ich bin des trocknen Tons nun satt,
Muß wieder recht den Teufel spielen.
Laut. Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen;
Ihr durchstudiert die groß, und kleine Welt,
Um es am Ende gehn zu lassen,
Wie's Gott gefällt.
Vergebens, daß Ihr ringsum wissenschaftlich schweift,
Ein jeder lernt nur, was er lernen kann;
Doch der den Augenblick ergreift,
Das ist der rechte Mann.
Ihr seid noch ziemlich wohl gebaut,
An Kühnheit wird's Euch auch nicht fehlen,
Und wenn Ihr Euch nur selbst vertraut,
Vertrauen Euch die andern Seelen.
Besonders lernt die Weiber führen;
Es ist ihr ewig Weh und Ach
So tausendfach
Aus einem Punkte zu kurieren,
Und wenn Ihr halbweg ehrbar tut,
Dann habt Ihr sie all unterm Hut.
Ein Titel muß sie erst vertraulich machen,
Daß Eure Kunst viel Künste übersteigt;
Zum Willkomm tappt Ihr dann nach allen Siebensachen,
Um die ein andrer viele Jahre streicht,
Versteht das Pülslein wohl zu drücken,
Und fasset sie, mit feurig schlauen Blicken,
Wohl um die schlanke Hüfte frei,
Zu sehn, wie fest geschnürt sie sei.
SCHÜLER:
Das sieht schon besser aus! Man sieht doch, wo und wie.
MEPHISTOPHELES:
Grau, teurer Freund, ist alle Theorie,
Und grün des Lebens goldner Baum.
SCHÜLER:
Ich schwör Euch zu, mir ist's als wie ein Traum.
Dürft ich Euch wohl ein andermal beschweren,
Von Eurer Weisheit auf den Grund zu hören?
MEPHISTOPHELES:
Was ich vermag, soll gern geschehn.
SCHÜLER:
Ich kann unmöglich wieder gehn,
Ich muß Euch noch mein Stammbuch überreichen,
Gönn Eure Gunst mir dieses Zeichen!
MEPHISTOPHELES:
Sehr wohl.
Er schreibt und gibt's.
SCHÜLER liest:
Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum.
Macht's ehrerbietig zu und empfiehlt sich.
MEPHISTOPHELES:
Folg nur dem alten Spruch und meiner Muhme, der Schlange,
Dir wird gewiß einmal bei deiner Gottähnlichkeit bange!
Faust tritt auf.
FAUST:
Wohin soll es nun gehn?
MEPHISTOPHELES:
Wohin es dir gefällt.
Wir sehn die kleine, dann die große Welt.
Mit welcher Freude, welchem Nutzen
Wirst du den Cursum durchschmarutzen!
FAUST:
Allein bei meinem langen Bart
Fehlt mir die leichte Lebensart.
Es wird mir der Versuch nicht glücken;
Ich wußte nie mich in die Welt zu schicken.
Vor andern fühl ich mich so klein;
Ich werde stets verlegen sein.
MEPHISTOPHELES:
Mein guter Freund, das wird sich alles geben;
Sobald du dir vertraust, sobald weißt du zu leben.
FAUST:
Wie kommen wir denn aus dem Haus?
Wo hast du Pferde, Knecht und Wagen?
MEPHISTOPHELES:
Wir breiten nur den Mantel aus,
Der soll uns durch die Lüfte tragen.
Du nimmst bei diesem kühnen Schritt
Nur keinen großen Bündel mit.
Ein bißchen Feuerluft, die ich bereiten werde,
Hebt uns behend von dieser Erde.
Und sind wir leicht, so geht es schnell hinauf;
Ich gratuliere dir zum neuen Lebenslauf!
....
Goethe (1808)
Montag, 1. März 2010
Faust - Der Tragödie erster Teil (a)
Nacht
In einem hochgewölbten, engen gotischen Zimmer Faust, unruhig auf seinem Sessel am Pulte.
FAUST:
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Heiße Magister, heiße Doktor gar
Und ziehe schon an die zehen Jahr
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum-
Und sehe, daß wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen.
Zwar bin ich gescheiter als all die Laffen,
Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;
Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel,
Fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel-
Dafür ist mir auch alle Freud entrissen,
Bilde mir nicht ein, was Rechts zu wissen,
Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren,
Die Menschen zu bessern und zu bekehren.
Auch hab ich weder Gut noch Geld,
Noch Ehr und Herrlichkeit der Welt;
Es möchte kein Hund so länger leben!
Drum hab ich mich der Magie ergeben,
Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
Nicht manch Geheimnis würde kund;
Daß ich nicht mehr mit saurem Schweiß
Zu sagen brauche, was ich nicht weiß;
Daß ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält,
Schau alle Wirkenskraft und Samen,
Und tu nicht mehr in Worten kramen.
O sähst du, voller Mondenschein,
Zum letzenmal auf meine Pein,
Den ich so manche Mitternacht
An diesem Pult herangewacht:
Dann über Büchern und Papier,
Trübsel'ger Freund, erschienst du mir!
Ach! könnt ich doch auf Bergeshöhn
In deinem lieben Lichte gehn,
Um Bergeshöhle mit Geistern schweben,
Auf Wiesen in deinem Dämmer weben,
Von allem Wissensqualm entladen,
In deinem Tau gesund mich baden!
Weh! steck ich in dem Kerker noch?
Verfluchtes dumpfes Mauerloch,
Wo selbst das liebe Himmelslicht
Trüb durch gemalte Scheiben bricht!
Beschränkt mit diesem Bücherhauf,
den Würme nagen, Staub bedeckt,
Den bis ans hohe Gewölb hinauf
Ein angeraucht Papier umsteckt;
Mit Gläsern, Büchsen rings umstellt,
Mit Instrumenten vollgepfropft,
Urväter Hausrat drein gestopft-
Das ist deine Welt! das heißt eine Welt!
Und fragst du noch, warum dein Herz
Sich bang in deinem Busen klemmt?
Warum ein unerklärter Schmerz
Dir alle Lebensregung hemmt?
Statt der lebendigen Natur,
Da Gott die Menschen schuf hinein,
Umgibt in Rauch und Moder nur
Dich Tiergeripp und Totenbein.
Flieh! auf! hinaus ins weite Land!
Und dies geheimnisvolle Buch,
Von Nostradamus' eigner Hand,
Ist dir es nicht Geleit genug?
Erkennest dann der Sterne Lauf,
Und wenn Natur dich Unterweist,
Dann geht die Seelenkraft dir auf,
Wie spricht ein Geist zum andren Geist.
Umsonst, daß trocknes Sinnen hier
Die heil'gen Zeichen dir erklärt:
Ihr schwebt, ihr Geister, neben mir;
Antwortet mir, wenn ihr mich hört!
Er schlägt das Buch auf und erblickt das Zeichen des Makrokosmus.
Ha! welche Wonne fließt in diesem Blick
Auf einmal mir durch alle meine Sinnen!
Ich fühle junges, heil'ges Lebensglück
Neuglühend mir durch Nerv' und Adern rinnen.
War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb,
Die mir das innre Toben stillen,
Das arme Herz mit Freude füllen,
Und mit geheimnisvollem Trieb
Die Kräfte der Natur rings um mich her enthüllen?
Bin ich ein Gott? Mir wird so licht!
Ich schau in diesen reinen Zügen
Die wirkende Natur vor meiner Seele liegen.
Jetzt erst erkenn ich, was der Weise spricht:
"Die Geisterwelt ist nicht verschlossen;
Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot!
Auf, bade, Schüler, unverdrossen
Die ird'sche Brust im Morgenrot!"
Er beschaut das Zeichen.
Wie alles sich zum Ganzen webt,
Eins in dem andern wirkt und lebt!
Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen
Und sich die goldnen Eimer reichen!
Mit segenduftenden Schwingen
Vom Himmel durch die Erde dringen,
Harmonisch all das All durchklingen!
Welch Schauspiel! Aber ach! ein Schauspiel nur!
Wo fass ich dich, unendliche Natur?
Euch Brüste, wo? Ihr Quellen alles Lebens,
An denen Himmel und Erde hängt,
Dahin die welke Brust sich drängt-
Ihr quellt, ihr tränkt, und schmacht ich so vergebens?
Er schlägt unwillig das Buch um und erblickt das Zeichen des Erdgeistes.
Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein!
Du, Geist der Erde, bist mir näher;
Schon fühl ich meine Kräfte höher,
Schon glüh ich wie von neuem Wein.
Ich fühle Mut, mich in die Welt zu wagen,
Der Erde Weh, der Erde Glück zu tragen,
Mit Stürmen mich herumzuschlagen
Und in des Schiffbruchs Knirschen nicht zu zagen.
Es wölkt sich über mir-
Der Mond verbirgt sein Licht-
Die Lampe schwindet!
Es dampft! Es zucken rote Strahlen
Mir um das Haupt- Es weht
Ein Schauer vom Gewölb herab
Und faßt mich an!
Ich fühl's, du schwebst um mich, erflehter Geist
Enthülle dich!
Ha! wie's in meinem Herzen reißt!
Zu neuen Gefühlen
All meine Sinnen sich erwühlen!
Ich fühle ganz mein Herz dir hingegeben!
Du mußt! du mußt! und kostet es mein Leben!
Er faßt das Buch und spricht das Zeichen des Geistes geheimnisvoll aus. Es zuckt eine rötliche Flamme, der Geist erscheint in der Flamme.
GEIST:
Wer ruft mir?
FAUST abgewendet:
Schreckliches Gesicht!
GEIST:
Du hast mich mächtig angezogen,
An meiner Sphäre lang gesogen,
Und nun-
FAUST:
Weh! ich ertrag dich nicht!
GEIST:
Du flehst, eratmend mich zu schauen,
Meine Stimme zu hören, mein Antlitz zu sehn;
Mich neigt dein mächtig Seelenflehn,
Da bin ich!- Welch erbärmlich Grauen
Faßt Übermenschen dich! Wo ist der Seele Ruf?
Wo ist die Brust, die eine Welt in sich erschuf
Und trug und hegte, die mit Freudebeben
Erschwoll, sich uns, den Geistern, gleich zu heben?
Wo bist du, Faust, des Stimme mir erklang,
Der sich an mich mit allen Kräften drang?
Bist du es, der, von meinem Hauch umwittert,
In allen Lebenslagen zittert,
Ein furchtsam weggekrümmter Wurm?
FAUST:
Soll ich dir, Flammenbildung, weichen?
Ich bin's, bin Faust, bin deinesgleichen!
GEIST:
In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall ich auf und ab,
Wehe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselndes Wehen,
Ein glühend Leben,
So schaff ich am laufenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
FAUST:
Der du die weite Welt umschweifst,
Geschäftiger Geist, wie nah fühl ich mich dir!
GEIST:
Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
Nicht mir!
verschwindet
FAUST zusammenstürzend:
Nicht dir?
Wem denn?
Ich Ebenbild der Gottheit!
Und nicht einmal dir!
es klopft
O Tod! ich kenn's- das ist mein Famulus-
Es wird mein schönstes Glück zunichte!
Daß diese Fülle der Geschichte
Der trockne Schleicher stören muß!
Wagner im Schlafrock und der Nachtmütze, eine Lampe in der Hand. Faust wendet sich unwillig.
WAGNER:
Verzeiht! ich hör euch deklamieren;
Ihr last gewiß ein griechisch Trauerspiel?
In dieser Kunst möcht ich was profitieren,
Denn heutzutage wirkt das viel.
Ich hab es öfters rühmen hören,
Ein Komödiant könnt einen Pfarrer lehren.
FAUST:
Ja, wenn der Pfarrer ein Komödiant ist;
Wie das denn wohl zuzeiten kommen mag.
WAGNER:
Ach! wenn man so in sein Museum gebannt ist,
Und sieht die Welt kaum einen Feiertag,
Kaum durch ein Fernglas, nur von weitem,
Wie soll man sie durch Überredung leiten?
FAUST:
Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen,
Wenn es nicht aus der Seele dringt
Und mit urkräftigem Behagen
Die Herzen aller Hörer zwingt.
Sitzt ihr nur immer! leimt zusammen,
Braut ein Ragout von andrer Schmaus
Und blast die kümmerlichen Flammen
Aus eurem Aschenhäuschen 'raus!
Bewundrung von Kindern und Affen,
Wenn euch darnach der Gaumen steht-
Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen,
Wenn es euch nicht von Herzen geht.
WAGNER:
Allein der Vortrag macht des Redners Glück;
Ich fühl es wohl, noch bin ich weit zurück.
FAUST:
Such Er den redlichen Gewinn!
Sei Er kein schellenlauter Tor!
Es trägt Verstand und rechter Sinn
Mit wenig Kunst sich selber vor!
Und wenn's euch Ernst ist, was zu sagen,
Ist's nötig, Worten nachzujagen?
Ja, eure Reden, die so blinkend sind,
In denen ihr der Menschheit Schnitzel kräuselt,
Sind unerquicklich wie der Nebelwind,
Der herbstlich durch die dürren Blätter säuselt!
WAGNER:
Ach Gott! die Kunst ist lang;
Und kurz ist unser Leben.
Mir wird, bei meinem kritischen Bestreben,
Doch oft um Kopf und Busen bang.
Wie schwer sind nicht die Mittel zu erwerben,
Durch die man zu den Quellen steigt!
Und eh man nur den halben Weg erreicht,
Muß wohl ein armer Teufel sterben.
FAUST:
Das Pergament, ist das der heil'ge Bronnen,
Woraus ein Trunk den Durst auf ewig stillt?
Erquickung hast du nicht gewonnen,
Wenn sie dir nicht aus eigner Seele quillt.
WAGNER:
Verzeiht! es ist ein groß Ergetzen,
Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen;
Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,
Und wie wir's dann zuletzt so herrlich weit gebracht.
FAUST:
O ja, bis an die Sterne weit!
Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit
Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.
Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln.
Da ist's denn wahrlich oft ein Jammer!
Man läuft euch bei dem ersten Blick davon.
Ein Kehrichtfaß und eine Rumpelkammer
Und höchstens eine Haupt- und Staatsaktion
Mit trefflichen pragmatischen Maximen,
Wie sie den Puppen wohl im Munde ziemen!
WAGNER:
Allein die Welt! des Menschen Herz und Geist!
Möcht jeglicher doch was davon erkennen.
FAUST:
Ja, was man so erkennen heißt!
Wer darf das Kind beim Namen nennen?
Die wenigen, die was davon erkannt,
Die töricht g'nug ihr volles Herz nicht wahrten,
Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten,
Hat man von je gekreuzigt und verbrannt.
Ich bitt Euch, Freund, es ist tief in der Nacht,
Wir müssen's diesmal unterbrechen.
WAGNER:
Ich hätte gern nur immer fortgewacht,
Um so gelehrt mit Euch mich zu besprechen.
Doch morgen, als am ersten Ostertage,
Erlaubt mir ein' und andre Frage.
Mit Eifer hab' ich mich der Studien beflissen;
Zwar weiß ich viel, doch möcht' ich alles wissen.
Ab.
FAUST allein:
Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet,
Der immerfort an schalem Zeuge klebt,
Mit gier'ger Hand nach Schätzen gräbt,
Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet!
Darf eine solche Menschenstimme hier,
Wo Geisterfülle mich umgab, ertönen?
Doch ach! für diesmal dank ich dir,
Dem ärmlichsten von allen Erdensöhnen.
Du rittest mich von der Verzweiflung los,
Die mir die Sinne schon zerstören wollte.
Ach! die Erscheinung war so riesengroß,
Daß ich mich recht als Zwerg empfinden sollte.
Ich, Ebenbild der Gottheit, das sich schon
Ganz nah gedünkt dem Spiegel ew'ger Wahrheit,
Sein selbst genoß in Himmelsglanz und Klarheit,
Und abgestreift den Erdensohn;
Ich, mehr als Cherub, dessen freie Kraft
Schon durch die Adern der Natur zu fließen
Und, schaffend, Götterleben zu genießen
Sich ahnungsvoll vermaß, wie muß ich's büßen!
Ein Donnerwort hat mich hinweggerafft.
Nicht darf ich dir zu gleichen mich vermessen;
Hab ich die Kraft dich anzuziehn besessen,
So hatt ich dich zu halten keine Kraft.
Zu jenem sel'gen Augenblicke
Ich fühlte mich so klein, so groß;
Du stießest grausam mich zurück,
Ins ungewisse Menschenlos.
Wer lehret mich? was soll ich meiden?
Soll ich gehorchen jenem Drang?
Ach! unsre Taten selbst, so gut als unsre Leiden,
Sie hemmen unsres Lebens Gang.
Dem Herrlichsten, was auch der Geist empfangen,
Drängt immer fremd und fremder Stoff sich an;
Wenn wir zum Guten dieser Welt gelangen,
Dann heißt das Beßre Trug und Wahn.
Die uns das Leben gaben, herrliche Gefühle
Erstarren in dem irdischen Gewühle.
Wenn Phantasie sich sonst mit kühnem Flug
Und hoffnungsvoll zum Ewigen erweitert,
So ist ein kleiner Raum ihr genug,
Wenn Glück auf Glück im Zeitenstrudel scheitert.
Die Sorge nistet gleich im tiefen Herzen,
Dort wirket sie geheime Schmerzen,
Unruhig wiegt sie sich und störet Luft und Ruh;
Sie deckt sich stets mit neuen Masken zu,
Sie mag als Haus und Hof, als Weib und Kind erscheinen,
Als Feuer, Wasser, Dolch und Gift;
Du bebst vor allem, was nicht trifft,
Und was du nie verlierst, das mußt du stets beweinen.
Den Göttern gleich ich nicht! zu tief ist es gefühlt;
Dem Wurme gleich ich, der den Staub durchwühlt,
Den, wie er sich im Staube nährend lebt,
Des Wandrers Tritt vernichtet und begräbt.
Ist es nicht Staub, was diese hohe Wand
Aus hundert Fächern mit verenget?
Der Trödel, der mit tausendfachem Tand
In dieser Mottenwelt mich dränget?
Hier soll ich finden, was mir fehlt?
Soll ich vielleicht in tausend Büchern lesen,
Daß überall die Menschen sich gequält,
Daß hie und da ein Glücklicher gewesen?-
Was grinsest du mir, hohler Schädel, her?
Als daß dein Hirn, wie meines, einst verwirret
Den leichten Tag gesucht und in der Dämmrung schwer,
Mit Luft nach Wahrheit, jämmerlich geirret.
Ihr Instrumente freilich spottet mein,
Mit Rad und Kämmen, Walz und Bügel:
Ich stand am Tor, ihr solltet Schlüssel sein;
Zwar euer Bart ist kraus, doch hebt ihr nicht die Riegel.
Geheimnisvoll am lichten Tag
Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben,
Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,
Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.
Du alt Geräte, das ich nicht gebraucht,
Du stehst nur hier, weil dich mein Vater brauchte.
Du alte Rolle, du wirst angeraucht,
Solang an diesem Pult die trübe Lampe schmauchte.
Weit besser hätt ich doch mein Weniges verpraßt,
Als mit dem Wenigen belastet hier zu schwitzen!
Was du ererbt von deinem Vater hast,
Erwirb es, um es zu besitzen.
Was man nicht nützt, ist eine schwere Last,
Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.
Doch warum heftet sich mein Blick auf jene Stelle?
Ist jenes Fläschchen dort den Augen ein Magnet?
Warum wird mir auf einmal lieblich helle,
Als wenn im nächt'gen Wald uns Mondenglanz umweht?
Ich grüße dich, du einzige Phiole,
Die ich mit Andacht nun herunterhole!
In dir verehr ich Menschenwitz und Kunst.
Du Inbegriff der holden Schlummersäfte,
Du Auszug aller tödlich feinen Kräfte,
Erweise deinem Meister deine Gunst!
Ich sehe dich, es wird der Schmerz gelindert,
Ich fasse dich, das Streben wird gemindert,
Des Geistes Flutstrom ebbet nach und nach.
Ins hohe Meer werd ich hinausgewiesen,
Die Spiegelflut erglänzt zu meinen Füßen,
Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag.
Ein Feuerwagen schwebt, auf leichten Schwingen,
An mich heran! Ich fühle mich bereit,
Auf neuer Bahn den Äther zu durchdringen,
Zu neuen Sphären reiner Tätigkeit.
Dies hohe Leben, diese Götterwonne!
Du, erst noch Wurm, und die verdienest du?
Ja, kehre nur der holden Erdensonne
Entschlossen deinen Rücken zu!
Vermesse dich, die Pforten aufzureißen,
Vor denen jeder gern vorüberschleicht!
Hier ist es Zeit, durch Taten zu beweisen,
Das Manneswürde nicht der Götterhöhe weicht,
Vor jener dunkeln Höhle nicht zu beben,
In der sich Phantasie zu eigner Qual verdammt,
Nach jenem Durchgang hinzustreben,
Um dessen engen Mund die ganze Hölle flammt;
In diesem Schritt sich heiter zu entschließen,
Und wär es mit Gefahr, ins Nichts dahin zu fließen.
Nun komm herab, kristallne reine Schale!
Hervor aus deinem alten Futterale,
An die ich viele Jahre nicht gedacht!
Du glänzetst bei der Väter Freudenfeste,
Erheitertest die ernsten Gäste,
Wenn einer dich dem andern zugebracht.
Der vielen Bilder künstlich reiche Pracht,
Des Trinkers Pflicht, sie reimweis zu erklären,
Auf einen Zug die Höhlung auszuleeren,
Erinnert mich an manche Jugendnacht.
Ich werde jetzt dich keinem Nachbar reichen,
Ich werde meinen Witz an deiner Kunst nicht zeigen.
Hier ist ein Saft, der eilig trunken macht;
Mit brauner Flut erfüllt er deine Höhle.
Den ich bereit, den ich wähle,
"Der letzte Trunk sei nun, mit ganzer Seele,
Als festlich hoher Gruß, dem Morgen zugebracht!
Er setzt die Schale an den Mund.
Glockenklang und Chorgesang.
CHOR DER ENGEL:
Christ ist erstanden!
Freude dem Sterblichen,
Den die verderblichen,
Schleichenden, erblichen
Mängel unwanden.
FAUST:
Welch tiefes Summen, welch heller Ton
Zieht mit Gewalt das Glas von meinem Munde?
Verkündigt ihr dumpfen Glocken schon
Des Osterfestes erste Feierstunde?
Ihr Chöre, singt ihr schon den tröstlichen Gesang,
Der einst, um Grabes Nacht, von Engelslippen klang,
Gewißheit einem neuen Bunde?
CHOR DER WEIBER:
Mit Spezereien
Hatten wir ihn gepflegt,
Wir seine Treuen
Hatten ihn hingelegt;
Tücher und Binden
Reinlich unwanden wir,
Ach! und wir finden
Christ nicht mehr hier.
CHOR DER ENGEL:
Christ ist erstanden!
Selig der Liebende,
Der die betrübende,
Heilsam und übende
Prüfung bestanden.
FAUST:
Was sucht ihr, mächtig und gelind,
Ihr Himmelstöne, mich am Staube?
Klingt dort umher, wo weiche Menschen sind.
Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube;
Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.
Zu jenen Sphären wag ich nicht zu streben,
Woher die holde Nachricht tönt;
Und doch, an diesen Klang von Jugend auf gewöhnt,
Ruft er auch jetzt zurück mich in das Leben.
Sonst stürzte sich der Himmelsliebe Kuß
Auf mich herab in ernster Sabbatstille;
Da klang so ahnungsvoll des Glockentones Fülle,
Und ein Gebet war brünstiger Genuß;
Ein unbegreiflich holdes Sehnen
Trieb mich, durch Wald und Wiesen hinzugehn,
Und unter tausend heißen Tränen
Fühlt ich mir eine Welt entstehn.
Dies Lieb verkündete der Jugend muntre Spiele,
Der Frühlingsfeier freies Glück;
Erinnrung hält mich nun, mit kindlichem Gefühle,
Vom letzten, ernsten Schritt zurück.
O tönet fort, ihr süßen Himmelslieder!
Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder!
CHOR DER JÜNGER:
Hat der Begrabene
Schon sich nach oben,
Lebend Erhabene,
Herrlich erhoben;
Ist er in Werdeluft
Schaffender Freude nah:
Ach! an der Erde Brust
Sind wir zum Leide da.
Ließ er die Seinen
Schmachtend uns hier zurück;
Ach! wir beweinen,
Meister, dein Glück!
CHOR DER ENGEL:
Christ ist erstanden,
Aus der Verwesung Schoß.
Reißet von Banden
Freudig euch los!
Tätig ihn preisenden,
Liebe beweisenden,
Brüderlich speisenden,
Predigend reisenden,
Wonne verheißenden
Euch ist der Meister nah,
Euch ist er da!
Vor dem Tor
Spaziergänger aller Art ziehen hinaus.
EINIGE HANDWERKSBURSCHE:
Warum denn dort hinaus?
ANDRE:
Wir gehn hinaus aufs Jägerhaus.
DIE ERSTEN:
Wir aber wollen nach der Mühle wandern.
EIN HANDWERKSBURSCH:
Ich rat euch, nach dem Wasserhof zu gehn.
ZWEITER:
Der Weg dahin ist gar nicht schön.
DIE ZWEITEN:
Was tust denn du?
EIN DRITTER:
Ich gehe mit den andern.
VIERTER:
Nach Burgdorf kommt herauf, gewiß dort findet ihr
Die schönsten Mädchen und das beste Bier,
Und Händel von der ersten Sorte.
FÜNFTER:
Du überlustiger Gesell,
Juckt dich zum drittenmal das Fell?
Ich mag nicht hin, mir graut es vor dem Orte.
DIENSTMÄDCHEN:
Nein, nein! ich gehe nach der Stadt zurück.
ANDRE:
Wir finden ihn gewiß bei jenen Pappeln stehen.
ERSTE:
Das ist für mich kein großes Glück;
Er wird an deiner Seite gehen,
Mit dir nur tanzt er auf dem Plan.
Was gehn mich deine Freuden an!
ANDRE:
Heut ist er sicher nicht allein,
Der Krauskopf, sagt er, würde bei ihm sein.
SCHÜLER:
Blitz, wie die wackern Dirnen schreiten!
Herr Bruder, komm! wir müssen sie begleiten.
Ein starkes Bier, ein beizender Toback,
Und eine Magd im Putz, das ist nun mein Geschmack.
BÜRGERMÄDCHEN:
Da sieh mir nur die schönen Knaben!
Es ist wahrhaftig eine Schmach:
Gesellschaft könnten sie die allerbeste haben,
Und laufen diesen Mägden nach!
ZWEITER SCHÜLER zum ersten:
Nicht so geschwind! dort hinten kommen zwei,
Sie sind gar niedlich angezogen,
's ist meine Nachbarin dabei;
Ich bin dem Mädchen sehr gewogen.
Sie gehen ihren stillen Schritt
Und nehmen uns doch auch am Ende mit.
ERSTER:
Herr Bruder, nein! Ich bin nicht gern geniert.
Geschwind! daß wir das Wildbret nicht verlieren.
Die Hand, die samstags ihren Besen führt
Wird sonntags dich am besten karessieren.
BÜRGER:
Nein, er gefällt mir nicht, der neue Burgemeister!
Nun, da er's ist, wird er nur täglich dreister.
Und für die Stadt was tut denn er?
Wird es nicht alle Tage schlimmer?
Gehorchen soll man mehr als immer,
Und zahlen mehr als je vorher.
BETTLER singt:
Ihr guten Herrn, ihr schönen Frauen,
So wohlgeputzt und backenrot,
Belieb es euch, mich anzuschauen,
Und seht und mildert meine Not!
Laßt hier mich nicht vergebens leiern!
Nur der ist froh, der geben mag.
Ein Tag, den alle Menschen feiern,
Er sei für mich ein Erntetag.
ANDRER BÜRGER:
Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried und Friedenszeiten.
DRITTER BÜRGER:
Herr Nachbar, ja! so laß ich's auch geschehn:
Sie mögen sich die Köpfe spalten,
Mag alles durcheinander gehn;
Doch nur zu Hause bleib's beim alten.
ALTE zu den Bürgermädchen:
Ei! wie geputzt! das schöne junge Blut!
Wer soll sich nicht in euch vergaffen?-
Nur nicht so stolz! es ist schon gut!
Und was ihr wünscht, das wüßt ich wohl zu schaffen.
BÜRGERMÄDCHEN:
Agathe, fort! ich nehme mich in acht,
Mit solchen Hexen öffentlich zu gehen;
Sie ließ mich zwar in Sankt Andreas' Nacht
Den künft'gen Liebsten leiblich sehen-
DIE ANDRE:
Mir zeigte sie ihn im Kristall,
Soldatenhaft, mit mehreren Verwegnen;
Ich seh mich um, ich such ihn überall,
Allein mir will er nicht begegnen.
SOLDATEN:
Burgen mit hohen
Mauern und Zinnen,
Mädchen mit stolzen
Höhnenden Sinnen
Möcht ich gewinnen!
Kühn ist das Mühen,
Herrlich der Lohn!
Und die Trompete
Lassen wir werben,
Wie zu der Freude,
So zum Verderben.
Das ist ein Stürmen!
Das ist ein Leben!
Mädchen und Burgen
Müssen sich geben.
Kühn ist das Mühen,
Herrlich der Lohn!
Und die Soldaten
Ziehen davon.
Faust und Wagner.
FAUST:
Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer kornigen Eises
In Streifen über die grünende Flur;
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlt's im Revier
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurückzusehen.
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß, in Breit und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und bis zum Sinken überladen
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!
WAGNER:
Mit Euch, Herr Doktor, zu spazieren
Ist ehrenvoll und ist Gewinn;
Doch würd ich nicht allein mich her verlieren,
Weil ich ein Feind von allem Rohen bin.
Das Fiedeln, Schreien, Kegelschieben
Ist mir ein gar verhaßter Klang;
Sie toben wie vom bösen Geist getrieben
Und nennen's Freude. nennen's Gesang.
Bauern unter der Linde. Tanz und Gesang.
Der Schäfer putzte sich zum Tanz,
Mit bunter Jacke, Band und Kranz,
Schmuck war er angezogen.
Schon um die Linde war es voll,
Und alles tanzte schon wie toll.
Juchhe! Juchhe!
Juchheisa! Heisa! He!
So ging der Fiedelbogen.
Er drückte hastig sich heran,
Da stieß er an ein Mädchen an
Mit seinem Ellenbogen;
Die frische Dirne kehrt, sich um
Und sagte: Nun, das find ich dumm!
Juchhe! Juchhe!
Juchheisa! Heisa! He!
Seid nicht so ungezogen!
Doch hurtig in dem Kreise ging's,
Sie tanzten rechts, sie tanzten links,
Und alle Röcke flogen.
Sie wurden rot, sie wurden warm
Und ruhten atmend Arm in Arm,
Juchhe! Juchhe!
Juchheisa! Heisa! He!
Und Hüft an Ellenbogen.
Und tu mir doch nicht so vertraut!
Wie mancher hat nicht seine Braut
Belogen und betrogen!
Er schmeichelte sie doch bei Seit,
Und von der Linde scholl es weit:
Juchhe! Juchhe!
Juchheisa! Heisa! He!
Geschrei und Fiedelbogen.
ALTER BAUER:
Herr Doktor, das ist schön von Euch,
Daß Ihr uns heute nicht verschmäht,
Und unter dieses Volksgedräng,
Als ein so Hochgelahrter, geht.
So nehmet auch den schönsten Krug,
Den wir mit frischem Trunk gefüllt,
Ich bring ihn zu und wünsche laut,
Daß er nicht nur den Durst Euch stillt:
Die Zahl der Tropfen, die er hegt,
Sei Euren Tagen zugelegt.
FAUST:
Ich nehme den Erquickungstrank
Enwidr' euch allen Heil und Dank.
Das Volk sammelt sich im Kreis umher.
ALTER BAUER:
Fürwahr, es ist sehr wohl getan,
Daß Ihr am frohen Tag erscheint;
Habt Ihr es vormals doch mit uns
An bösen Tagen gut gemeint!
Gar mancher steht lebendig hier
Den Euer Vater noch zuletzt
Der heißen Fieberwut entriß,
Als er der Seuche Ziel gesetzt.
Auch damals Ihr, ein junger Mann,
Ihr gingt in jedes Krankenhaus,
Gar manche Leiche trug man fort,
Ihr aber kamt gesund heraus,
Bestandet manche harte Proben;
Dem Helfer half der Helfer droben.
ALLE:
Gesundheit dem bewährten Mann,
Daß er noch lange helfen kann!
FAUST:
Vor jenem droben steht gebückt,
Der helfen lehrt und Hülfe schickt.
Er geht mit Wagnern weiter.
WAGNER:
Welch ein Gefühl mußt du, o großer Mann,
Bei der Verehrung dieser Menge haben!
O glücklich, wer von seinen Gaben
Solch einen Vorteil ziehen kann!
Der Vater zeigt dich seinem Knaben,
Ein jeder fragt und drängt und eilt,
Die Fiedel stockt, der Tänzer weilt.
Du gehst, in Reihen stehen sie,
Die Mützen fliegen in die Höh;
Und wenig fehlt, so beugten sich die Knie,
Als käm das Venerabile.
FAUST:
Nur wenig Schritte noch hinauf zu jenem Stein,
Hier wollen wir von unsrer Wandrung rasten.
Hier saß ich oft gedankenvoll allein
Und quälte mich mit Beten und mit Fasten.
An Hoffnung reich, im Glauben fest,
Mit Tränen, Seufzen, Händeringen
Dacht ich das Ende jener Pest
Vom Herrn des Himmels zu erzwingen.
Der Menge Beifall tönt mir nun wie Hohn.
O könntest du in meinem Innern lesen,
Wie wenig Vater und Sohn
Solch eines Ruhmes wert gewesen!
Mein Vater war ein dunkler Ehrenmann,
Der über die Natur und ihre heil'gen Kreise
In Redlichkeit, jedoch auf seine Weise,
Mit grillenhafter Mühe sann;
Der, in Gesellschaft von Adepten,
Sich in die schwarze Küche schloß,
Und, nach unendlichen Rezepten,
Das Widrige zusammengoß.
Da ward ein roter Leu, ein kühner Freier,
Im lauen Bad der Lilie vermählt,
Und beide dann mit offnem Flammenfeuer
Aus einem Brautgemach ins andere gequält.
Erschien darauf mit bunten Farben
Die junge Königin im Glas,
Hier war die Arzenei, die Patienten starben,
Und niemand fragte: wer genas?
So haben wir mit höllischen Latwergen
In diesen Tälern, diesen Bergen
Weit schlimmer als die Pest getobt.
Ich habe selbst den Gift an Tausende gegeben:
Sie welkten hin, ich muß erleben,
Daß man die frechen Mörder lobt.
WAGNER:
Wie könnt Ihr Euch darum betrüben!
Tut nicht ein braver Mann genug,
Die Kunst, die man ihm übertrug,
Gewissenhaft und pünktlich auszuüben?
Wenn du als Jüngling deinen Vater ehrst,
So wirst du gern von ihm empfangen;
Wenn du als Mann die Wissenschaft vermehrst,
So kann dein Sohn zu höhrem Ziel gelangen.
FAUST:
O glücklich, wer noch hoffen kann,
Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!
Was man nicht weiß, das eben brauchte man,
Und was man weiß, kann man nicht brauchen.
Doch laß uns dieser Stunde schönes Gut
Durch solchen Trübsinn nicht verkümmern!
Betrachte, wie in Abendsonne-Glut
Die grünumgebnen Hütten schimmern.
Sie rückt und weicht, der Tag ist überlebt,
Dort eilt sie hin und fördert neues Leben.
O daß kein Flügel mich vom Boden hebt
Ihr nach und immer nach zu streben!
Ich säh im ewigen Abendstrahl
Die stille Welt zu meinen Füßen,
Entzündet alle Höhn beruhigt jedes Tal,
Den Silberbach in goldne Ströme fließen.
Nicht hemmte dann den göttergleichen Lauf
Der wilde Berg mit allen seinen Schluchten;
Schon tut das Meer sich mit erwärmten Buchten
Vor den erstaunten Augen auf.
Doch scheint die Göttin endlich wegzusinken;
Allein der neue Trieb erwacht,
Ich eile fort, ihr ew'ges Licht zu trinken,
Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht,
Den Himmel über mir und unter mir die Wellen.
Ein schöner Traum, indessen sie entweicht.
Ach! zu des Geistes Flügeln wird so leicht
Kein körperlicher Flügel sich gesellen.
Doch ist es jedem eingeboren
Daß sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt,
Wenn über uns, im blauen Raum verloren,
Ihr schmetternd Lied die Lerche singt;
Wenn über schroffen Fichtenhöhen
Der Adler ausgebreitet schwebt,
Und über Flächen, über Seen
Der Kranich nach der Heimat strebt.
WAGNER:
Ich hatte selbst oft grillenhafte Stunden,
Doch solchen Trieb hab ich noch nie empfunden.
Man sieht sich leicht an Wald und Feldern satt;
Des Vogels Fittich werd ich nie beneiden.
Wie anders tragen uns die Geistesfreuden
Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt!
Da werden Winternächte hold und schön
Ein selig Leben wärmet alle Glieder,
Und ach! entrollst du gar ein würdig Pergamen,
So steigt der ganze Himmel zu dir nieder.
FAUST:
Du bist dir nur des einen Triebs bewußt,
O lerne nie den andern kennen!
Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.
O gibt es Geister in der Luft,
Die zwischen Erd und Himmel herrschend weben
So steiget nieder aus dem goldnen Duft
Und führt mich weg zu neuem, buntem Leben!
Ja, wäre nur ein Zaubermantel mein,
Und trüg er mich in fremde Länder!
Mir sollt er um die köstlichsten Gewänder,
Nicht feil um einen Königsmantel sein.
WAGNER:
Berufe nicht die wohlbekannte Schar,
Die strömend sich im Dunstkreis überbreitet,
Dem Menschen tausendfältige Gefahr,
Von allen Enden her, bereitet.
Von Norden dringt der scharfe Geisterzahn
Auf dich herbei, mit pfeilgespitzten Zungen;
Von Morgen ziehn, vertrocknend, sie heran,
Und nähren sich von deinen Lungen;
Wenn sie der Mittag aus der Wüste schickt,
Die Glut auf Glut um deinen Scheitel häufen
So bringt der West den Schwarm, der erst erquickt,
Um dich und Feld und Aue zu ersäufen.
Sie hören gern, zum Schaden froh gewandt,
Gehorchen gern, weil sie uns gern betrügen;
Sie stellen wie vom Himmel sich gesandt,
Und lispeln englisch, wenn sie lügen.
Doch gehen wir! Ergraut ist schon die Welt,
Die Luft gekühlt, der Nebel fällt!
Am Abend schätzt man erst das Haus.-
Was stehst du so und blickst erstaunt hinaus?
Was kann dich in der Dämmrung so ergreifen?
FAUST:
Siehst du den schwarzen Hund durch Saat und Stoppel streifen?
WAGNER:
Ich sah ihn lange schon, nicht wichtig schien er mir.
FAUST:
Betracht ihn recht! für was hältst du das Tier?
WAGNER:
Für einen Pudel, der auf seine Weise
Sich auf der Spur des Herren plagt.
FAUST:
Bemerkst du, wie in weitem Schneckenkreise
Er um uns her und immer näher jagt?
Und irr ich nicht, so zieht ein Feuerstrudel
Auf seinen Pfaden hinterdrein.
WAGNER:
Ich sehe nichts als einen schwarzen Pudel;
Es mag bei Euch wohl Augentäuschung sein.
FAUST:
Mir scheint es, daß er magisch leise Schlingen
Zu künft'gem Band um unsre Füße zieht.
WAGNER:
Ich seh ihn ungewiß und furchtsam uns umspringen,
Weil er, statt seines Herrn, zwei Unbekannte sieht.
FAUST:
Der Kreis wird eng, schon ist er nah!
WAGNER:
Du siehst! ein Hund, und kein Gespenst ist da.
Er knurrt und zweifelt, legt sich auf den Bauch,
Er wedelt. Alles Hundebrauch.
FAUST:
Geselle dich zu uns! Komm hier!
WAGNER:
Es ist ein pudelnärrisch Tier.
Du stehest still, er wartet auf;
Du sprichst ihn an, er strebt an dir hinauf;
Verliere was, er wird es bringen,
Nach deinem Stock ins Wasser springen.
FAUST:
Du hast wohl recht; ich finde nicht die Spur
Von einem Geist, und alles ist Dressur.
WAGNER:
Dem Hunde, wenn er gut gezogen,
Wird selbst ein weiser Mann gewogen.
Ja, deine Gunst verdient er ganz und gar,
Er, der Studenten trefflicher Skolar.
Sie gehen in das Stadttor.
Studierzimmer (Pudelszene)
FAUST mit dem Pudel hereintretend:
Verlassen hab ich Feld und Auen,
Die eine tiefe Nacht bedeckt,
Mit ahnungsvollem, heil'gem Grauen
In uns die beßre Seele weckt.
Entschlafen sind nun wilde Triebe
Mit jedem ungestümen Tun;
Es reget sich die Menschenliebe,
Die Liebe Gottes regt sich nun.
Sei ruhig, Pudel! renne nicht hin und wider!
An der Schwelle was schnoperst du hier?
Lege dich hinter den Ofen nieder,
Mein bestes Kissen geb ich dir.
Wie du draußen auf dem bergigen Wege
Durch Rennen und Springen ergetzt uns hast,
So nimm nun auch von mir die Pflege,
Als ein willkommner stiller Gast.
Ach wenn in unsrer engen Zelle
Die Lampe freundlich wieder brennt,
Dann wird's in unserm Busen helle,
Im Herzen, das sich selber kennt.
Vernunft fängt wieder an zu sprechen,
Und Hoffnung wieder an zu blühn,
Man sehnt sich nach des Lebens Bächen,
Ach! nach des Lebens Quelle hin.
Knurre nicht, Pudel! Zu den heiligen Tönen,
Die jetzt meine ganze Seel umfassen,
Will der tierische Laut nicht passen.
Wir sind gewohnt, daß die Menschen verhöhnen,
Was sie nicht verstehn,
Daß sie vor dem Guten und Schönen,
Das ihnen oft beschwerlich ist, murren;
Will es der Hund, wie sie, beknurren?
Aber ach! schon fühl ich, bei dem besten Willen,
Befriedigung nicht mehr aus dem Busen quillen.
Aber warum muß der Strom so bald versiegen,
Und wir wieder im Durste liegen?
Davon hab ich so viel Erfahrung.
Doch dieser Mangel läßt sich ersetzen,
Wir lernen das Überirdische schätzen,
Wir sehnen uns nach Offenbarung,
Die nirgends würd'ger und schöner brennt
Als in dem Neuen Testament.
Mich drängt's, den Grundtext aufzuschlagen,
Mit redlichem Gefühl einmal
Das heilige Original
In mein geliebtes Deutsch zu übertragen,
Er schlägt ein Volum auf und schickt sich an.
Geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort!“
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Daß deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!
Soll ich mit dir das Zimmer teilen,
Pudel, so laß das Heulen,
So laß das Bellen!
Solch einen störenden Gesellen
Mag ich nicht in der Nähe leiden.
Einer von uns beiden
Muß die Zelle meiden.
Ungern heb ich das Gastrecht auf,
Die Tür ist offen, hast freien Lauf.
Aber was muß ich sehen!
Kann das natürlich geschehen?
Ist es Schatten? ist's Wirklichkeit?
Wie wird mein Pudel lang und breit!
Er hebt sich mit Gewalt,
Das ist nicht eines Hundes Gestalt!
Welch ein Gespenst bracht ich ins Haus!
Schon sieht er wie ein Nilpferd aus,
Mit feurigen Augen, schrecklichem Gebiß.
Oh! du bist mir gewiß!
Für solche halbe Höllenbrut
Ist Salomonis Schlüssel gut.
GEISTER auf dem Gange:
Drinnen gefangen ist einer!
Bleibet haußen, folg ihm keiner!
Wie im Eisen der Fuchs,
Zagt ein alter Höllenluchs.
Aber gebt acht!
Schwebet hin, schwebet wider,
Auf und nieder,
Und er hat sich losgemacht.
Könnt ihr ihm nützen,
Laßt ihn nicht sitzen!
Denn er tat uns allen
Schon viel zu Gefallen.
FAUST:
Erst zu begegnen dem Tiere,
Brauch ich den Spruch der Viere:
Salamander soll glühen,
Undene sich winden,
Sylphe verschwinden,
Kobold sich mühen
Wer sie nicht kennte
Die Elemente,
Ihre Kraft
Und Eigenschaft,
Wäre kein Meister
Über die Geister.
Verschwind in Flammen,
Salamander!
Rauschend fließe zusammen,
Undene!
Leucht in Meteoren-Schöne,
Sylphe!
Bring häusliche Hülfe,
Incubus! Incubus!
Tritt hervor und mache den Schluß!
Keines der Viere
Steckt in dem Tiere.
Es liegt ganz ruhig und grinst mich an;
Ich hab ihm noch nicht weh getan.
Du sollst mich hören
Stärker beschwören.
Bist du, Geselle
Ein Flüchtling der Hölle?
So sieh dies Zeichen
Dem sie sich beugen,
Die schwarzen Scharen!
Schon schwillt es auf mit borstigen Haaren.
Verworfnes Wesen!
Kannst du ihn lesen?
Den nie Entsproßnen,
Unausgesprochnen,
Durch alle Himmel Gegoßnen,
Freventlich Durchstochnen?
Hinter den Ofen gebannt,
Schwillt es wie ein Elefant
Den ganzen Raum füllt es an,
Es will zum Nebel zerfließen.
Steige nicht zur Decke hinan!
Lege dich zu des Meisters Füßen!
Du siehst, daß ich nicht vergebens drohe.
Ich versenge dich mit heiliger Lohe!
Erwarte nicht
Das dreimal glühende Licht!
Erwarte nicht
Die stärkste von meinen Künsten!
Mephistopheles tritt, indem der Nebel fällt, gekleidet wie ein fahrender Scholastikus, hinter dem Ofen hervor.
MEPHISTOPHELES:
Wozu der Lärm? was steht dem Herrn zu Diensten?
FAUST:
Das also war des Pudels Kern!
Ein fahrender Skolast? Der Kasus macht mich lachen.
MEPHISTOPHELES:
Ich salutiere den gelehrten Herrn!
Ihr habt mich weidlich schwitzen machen.
FAUST:
Wie nennst du dich?
MEPHISTOPHELES:
Die Frage scheint mir klein
Für einen, der das Wort so sehr verachtet,
Der, weit entfernt von allem Schein,
Nur in der Wesen Tiefe trachtet.
FAUST:
Bei euch, ihr Herrn, kann man das Wesen
Gewöhnlich aus dem Namen lesen,
Wo es sich allzu deutlich weist,
Wenn man euch Fliegengott, Verderber, Lügner heißt.
Nun gut, wer bist du denn?
MEPHISTOPHELES:
Ein Teil von jener Kraft,
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.
FAUST:
Was ist mit diesem Rätselwort gemeint?
MEPHISTOPHELES:
Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, daß es zugrunde geht;
Drum besser wär's, daß nichts entstünde.
So ist denn alles, was ihr Sünde,
Zerstörung, kurz, das Böse nennt,
Mein eigentliches Element.
FAUST:
Du nennst dich einen Teil, und stehst doch ganz vor mir?
MEPHISTOPHELES:
Bescheidne Wahrheit sprech ich dir.
Wenn sich der Mensch, die kleine Narrenwelt
Gewöhnlich für ein Ganzes hält-
Ich bin ein Teil des Teils, der anfangs alles war
Ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar
Das stolze Licht, das nun der Mutter Nacht
Den alten Rang, den Raum ihr streitig macht,
Und doch gelingt's ihm nicht, da es, so viel es strebt,
Verhaftet an den Körpern klebt.
Von Körpern strömt's, die Körper macht es schön,
Ein Körper hemmt's auf seinem Gange;
So, hoff ich, dauert es nicht lange,
Und mit den Körpern wird's zugrunde gehn.
FAUST:
Nun kenn ich deine würd'gen Pflichten!
Du kannst im Großen nichts vernichten
Und fängst es nun im Kleinen an.
MEPHISTOPHELES:
Und freilich ist nicht viel damit getan.
Was sich dem Nichts entgegenstellt,
Das Etwas, diese plumpe Welt
So viel als ich schon unternommen
Ich wußte nicht ihr beizukommen
Mit Wellen, Stürmen, Schütteln, Brand-
Geruhig bleibt am Ende Meer und Land!
Und dem verdammten Zeug, der Tier- und Menschenbrut,
Dem ist nun gar nichts anzuhaben:
Wie viele hab ich schon begraben!
Und immer zirkuliert ein neues, frisches Blut.
So geht es fort, man möchte rasend werden!
Der Luft, dem Wasser wie der Erden
Entwinden tausend Keime sich,
Im Trocknen, Feuchten, Warmen, Kalten!
Hätt ich mir nicht die Flamme vorbehalten,
Ich hätte nichts Aparts für mich.
FAUST:
So setzest du der ewig regen,
Der heilsam schaffenden Gewalt
Die kalte Teufelsfaust entgegen,
Die sich vergebens tückisch ballt!
Was anders suche zu beginnen
Des Chaos wunderlicher Sohn!
MEPHISTOPHELES:
Wir wollen wirklich uns besinnen,
Die nächsten Male mehr davon!
Dürft ich wohl diesmal mich entfernen?
FAUST:
Ich sehe nicht, warum du fragst.
Ich habe jetzt dich kennen lernen
Besuche nun mich, wie du magst.
Hier ist das Fenster, hier die Türe,
Ein Rauchfang ist dir auch gewiß.
MEPHISTOPHELES:
Gesteh ich's nur! daß ich hinausspaziere,
Verbietet mir ein kleines Hindernis,
Der Drudenfuß auf Eurer Schwelle-
FAUST:
Das Pentagramma macht dir Pein?
Ei sage mir, du Sohn der Hölle,
Wenn das dich bannt, wie kamst du denn herein?
Wie ward ein solcher Geist betrogen?
MEPHISTOPHELES:
Beschaut es recht! es ist nicht gut gezogen:
Der eine Winkel, der nach außen zu,
Ist, wie du siehst, ein wenig offen.
FAUST:
Das hat der Zufall gut getroffen!
Und mein Gefangner wärst denn du?
Das ist von ungefähr gelungen!
MEPHISTOPHELES:
Der Pudel merkte nichts, als er hereingesprungen,
Die Sache sieht jetzt anders aus:
Der Teufel kann nicht aus dem Haus.
FAUST:
Doch warum gehst du nicht durchs Fenster?
MEPHISTOPHELES:
's ist ein Gesetz der Teufel und Gespenster:
Wo sie hereingeschlüpft, da müssen sie hinaus.
Das erste steht uns frei, beim zweiten sind wir Knechte.
FAUST:
Die Hölle selbst hat ihre Rechte?
Das find ich gut, da ließe sich ein Pakt,
Und sicher wohl, mit euch, ihr Herren, schließen?
MEPHISTOPHELES:
Was man verspricht, das sollst du rein genießen,
Dir wird davon nichts abgezwackt.
Doch das ist nicht so kurz zu fassen,
Und wir besprechen das zunächst
Doch jetzo bitt ich, hoch und höchst,
Für dieses Mal mich zu entlassen.
FAUST:
So bleibe doch noch einen Augenblick,
Um mir erst gute Mär zu sagen.
MEPHISTOPHELES:
Jetzt laß mich los! ich komme bald zurück;
Dann magst du nach Belieben fragen.
FAUST:
Ich habe dir nicht nachgestellt,
Bist du doch selbst ins Garn gegangen.
Den Teufel halte, wer ihn hält!
Er wird ihn nicht so bald zum zweiten Male fangen.
MEPHISTOPHELES:
Wenn dir's beliebt, so bin ich auch bereit,
Dir zur Gesellschaft hier zu bleiben;
Doch mit Bedingnis, dir die Zeit
Durch meine Künste würdig zu vertreiben.
FAUST:
Ich seh es gern, das steht dir frei;
Nur daß die Kunst gefällig sei!
MEPHISTOPHELES:
Du wirst, mein Freund, für deine Sinnen
In dieser Stunde mehr gewinnen
Als in des Jahres Einerlei.
Was dir die zarten Geister singen,
Die schönen Bilder, die sie bringen,
Sind nicht ein leeres Zauberspiel.
Auch dein Geruch wird sich ergetzen,
Dann wirst du deinen Gaumen letzen,
Und dann entzückt sich dein Gefühl.
Bereitung braucht es nicht voran,
Beisammen sind wir, fanget an!
GEISTER:
Schwindet, ihr dunkeln
Wölbungen droben!
Reizender schaue
Freundlich der blaue
Äther herein!
Wären die dunkeln
Wolken zerronnen!
Sternelein funkeln,
Mildere Sonnen
Scheinen darein.
Himmlischer Söhne
Geistige Schöne,
Schwankende Beugung
Schwebet vorüber.
Sehnende Neigung
Folget hinüber;
Und der Gewänder
Flatternde Bänder
Decken die Länder,
Decken die Laube,
Wo sich fürs Leben,
Tief in Gedanken,
Liebende geben.
Laube bei Laube!
Sprossende Ranken!
Lastende Traube
Stürzt ins Behälter
Drängender Kelter,
Stürzen in Bächen
Schäumende Weine,
Rieseln durch reine,
Edle Gesteine,
Lassen die Höhen
Hinter sich liegen,
Breiten zu Seen
Sich ums Genüge
Grünender Hügel.
Und das Geflügel
Schlürfet sich Wonne,
Flieget der Sonne,
Flieget den hellen
Inseln entgegen,
Die sich auf Wellen
Gauklend bewegen;
Wo wir in Chören
Jauchzende hören,
Über den Auen
Tanzende schauen,
Die sich im Freien
Alle zerstreuen.
Einige klimmen
Über die Höhen,
Andere schwimmen
Über die Seen,
Andere schweben;
Alle zum Leben,
Alle zur Ferne
Liebender Sterne,
Seliger Huld.
MEPHISTOPHELES:
Er schläft! So recht, ihr luft'gen zarten Jungen!
Ihr habt ihn treulich eingesungen!
Für dies Konzert bin ich in eurer Schuld.
Du bist noch nicht der Mann, den Teufel festzuhalten!
Umgaukelt ihn mit süßen Traumgestalten,
Versenkt ihn in ein Meer des Wahns;
Doch dieser Schwelle Zauber zu zerspalten,
Bedarf ich eines Rattenzahns.
Nicht lange brauch ich zu beschwören,
Schon raschelt eine hier und wird sogleich mich hören.
Der Herr der Ratten und der Mäuse,
Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse
Befiehlt dir, dich hervor zu wagen
Und diese Schwelle zu benagen,
So wie er sie mit Öl betupft-
Da kommst du schon hervorgehupft!
Nur frisch ans Werk! Die Spitze, die mich bannte,
Sie sitzt ganz vornen an der Kante.
Noch einen Biß, so ist's geschehn.-
Nun, Fauste, träume fort, bis wir uns wiedersehn.
FAUST erwachend:
Bin ich denn abermals betrogen?
Verschwindet so der geisterreiche Drang
Daß mir ein Traum den Teufel vorgelogen,
Und daß ein Pudel mir entsprang?
......
Goethe (1808)
In einem hochgewölbten, engen gotischen Zimmer Faust, unruhig auf seinem Sessel am Pulte.
FAUST:
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Heiße Magister, heiße Doktor gar
Und ziehe schon an die zehen Jahr
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum-
Und sehe, daß wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen.
Zwar bin ich gescheiter als all die Laffen,
Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;
Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel,
Fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel-
Dafür ist mir auch alle Freud entrissen,
Bilde mir nicht ein, was Rechts zu wissen,
Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren,
Die Menschen zu bessern und zu bekehren.
Auch hab ich weder Gut noch Geld,
Noch Ehr und Herrlichkeit der Welt;
Es möchte kein Hund so länger leben!
Drum hab ich mich der Magie ergeben,
Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
Nicht manch Geheimnis würde kund;
Daß ich nicht mehr mit saurem Schweiß
Zu sagen brauche, was ich nicht weiß;
Daß ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält,
Schau alle Wirkenskraft und Samen,
Und tu nicht mehr in Worten kramen.
O sähst du, voller Mondenschein,
Zum letzenmal auf meine Pein,
Den ich so manche Mitternacht
An diesem Pult herangewacht:
Dann über Büchern und Papier,
Trübsel'ger Freund, erschienst du mir!
Ach! könnt ich doch auf Bergeshöhn
In deinem lieben Lichte gehn,
Um Bergeshöhle mit Geistern schweben,
Auf Wiesen in deinem Dämmer weben,
Von allem Wissensqualm entladen,
In deinem Tau gesund mich baden!
Weh! steck ich in dem Kerker noch?
Verfluchtes dumpfes Mauerloch,
Wo selbst das liebe Himmelslicht
Trüb durch gemalte Scheiben bricht!
Beschränkt mit diesem Bücherhauf,
den Würme nagen, Staub bedeckt,
Den bis ans hohe Gewölb hinauf
Ein angeraucht Papier umsteckt;
Mit Gläsern, Büchsen rings umstellt,
Mit Instrumenten vollgepfropft,
Urväter Hausrat drein gestopft-
Das ist deine Welt! das heißt eine Welt!
Und fragst du noch, warum dein Herz
Sich bang in deinem Busen klemmt?
Warum ein unerklärter Schmerz
Dir alle Lebensregung hemmt?
Statt der lebendigen Natur,
Da Gott die Menschen schuf hinein,
Umgibt in Rauch und Moder nur
Dich Tiergeripp und Totenbein.
Flieh! auf! hinaus ins weite Land!
Und dies geheimnisvolle Buch,
Von Nostradamus' eigner Hand,
Ist dir es nicht Geleit genug?
Erkennest dann der Sterne Lauf,
Und wenn Natur dich Unterweist,
Dann geht die Seelenkraft dir auf,
Wie spricht ein Geist zum andren Geist.
Umsonst, daß trocknes Sinnen hier
Die heil'gen Zeichen dir erklärt:
Ihr schwebt, ihr Geister, neben mir;
Antwortet mir, wenn ihr mich hört!
Er schlägt das Buch auf und erblickt das Zeichen des Makrokosmus.
Ha! welche Wonne fließt in diesem Blick
Auf einmal mir durch alle meine Sinnen!
Ich fühle junges, heil'ges Lebensglück
Neuglühend mir durch Nerv' und Adern rinnen.
War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb,
Die mir das innre Toben stillen,
Das arme Herz mit Freude füllen,
Und mit geheimnisvollem Trieb
Die Kräfte der Natur rings um mich her enthüllen?
Bin ich ein Gott? Mir wird so licht!
Ich schau in diesen reinen Zügen
Die wirkende Natur vor meiner Seele liegen.
Jetzt erst erkenn ich, was der Weise spricht:
"Die Geisterwelt ist nicht verschlossen;
Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot!
Auf, bade, Schüler, unverdrossen
Die ird'sche Brust im Morgenrot!"
Er beschaut das Zeichen.
Wie alles sich zum Ganzen webt,
Eins in dem andern wirkt und lebt!
Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen
Und sich die goldnen Eimer reichen!
Mit segenduftenden Schwingen
Vom Himmel durch die Erde dringen,
Harmonisch all das All durchklingen!
Welch Schauspiel! Aber ach! ein Schauspiel nur!
Wo fass ich dich, unendliche Natur?
Euch Brüste, wo? Ihr Quellen alles Lebens,
An denen Himmel und Erde hängt,
Dahin die welke Brust sich drängt-
Ihr quellt, ihr tränkt, und schmacht ich so vergebens?
Er schlägt unwillig das Buch um und erblickt das Zeichen des Erdgeistes.
Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein!
Du, Geist der Erde, bist mir näher;
Schon fühl ich meine Kräfte höher,
Schon glüh ich wie von neuem Wein.
Ich fühle Mut, mich in die Welt zu wagen,
Der Erde Weh, der Erde Glück zu tragen,
Mit Stürmen mich herumzuschlagen
Und in des Schiffbruchs Knirschen nicht zu zagen.
Es wölkt sich über mir-
Der Mond verbirgt sein Licht-
Die Lampe schwindet!
Es dampft! Es zucken rote Strahlen
Mir um das Haupt- Es weht
Ein Schauer vom Gewölb herab
Und faßt mich an!
Ich fühl's, du schwebst um mich, erflehter Geist
Enthülle dich!
Ha! wie's in meinem Herzen reißt!
Zu neuen Gefühlen
All meine Sinnen sich erwühlen!
Ich fühle ganz mein Herz dir hingegeben!
Du mußt! du mußt! und kostet es mein Leben!
Er faßt das Buch und spricht das Zeichen des Geistes geheimnisvoll aus. Es zuckt eine rötliche Flamme, der Geist erscheint in der Flamme.
GEIST:
Wer ruft mir?
FAUST abgewendet:
Schreckliches Gesicht!
GEIST:
Du hast mich mächtig angezogen,
An meiner Sphäre lang gesogen,
Und nun-
FAUST:
Weh! ich ertrag dich nicht!
GEIST:
Du flehst, eratmend mich zu schauen,
Meine Stimme zu hören, mein Antlitz zu sehn;
Mich neigt dein mächtig Seelenflehn,
Da bin ich!- Welch erbärmlich Grauen
Faßt Übermenschen dich! Wo ist der Seele Ruf?
Wo ist die Brust, die eine Welt in sich erschuf
Und trug und hegte, die mit Freudebeben
Erschwoll, sich uns, den Geistern, gleich zu heben?
Wo bist du, Faust, des Stimme mir erklang,
Der sich an mich mit allen Kräften drang?
Bist du es, der, von meinem Hauch umwittert,
In allen Lebenslagen zittert,
Ein furchtsam weggekrümmter Wurm?
FAUST:
Soll ich dir, Flammenbildung, weichen?
Ich bin's, bin Faust, bin deinesgleichen!
GEIST:
In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall ich auf und ab,
Wehe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselndes Wehen,
Ein glühend Leben,
So schaff ich am laufenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
FAUST:
Der du die weite Welt umschweifst,
Geschäftiger Geist, wie nah fühl ich mich dir!
GEIST:
Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
Nicht mir!
verschwindet
FAUST zusammenstürzend:
Nicht dir?
Wem denn?
Ich Ebenbild der Gottheit!
Und nicht einmal dir!
es klopft
O Tod! ich kenn's- das ist mein Famulus-
Es wird mein schönstes Glück zunichte!
Daß diese Fülle der Geschichte
Der trockne Schleicher stören muß!
Wagner im Schlafrock und der Nachtmütze, eine Lampe in der Hand. Faust wendet sich unwillig.
WAGNER:
Verzeiht! ich hör euch deklamieren;
Ihr last gewiß ein griechisch Trauerspiel?
In dieser Kunst möcht ich was profitieren,
Denn heutzutage wirkt das viel.
Ich hab es öfters rühmen hören,
Ein Komödiant könnt einen Pfarrer lehren.
FAUST:
Ja, wenn der Pfarrer ein Komödiant ist;
Wie das denn wohl zuzeiten kommen mag.
WAGNER:
Ach! wenn man so in sein Museum gebannt ist,
Und sieht die Welt kaum einen Feiertag,
Kaum durch ein Fernglas, nur von weitem,
Wie soll man sie durch Überredung leiten?
FAUST:
Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen,
Wenn es nicht aus der Seele dringt
Und mit urkräftigem Behagen
Die Herzen aller Hörer zwingt.
Sitzt ihr nur immer! leimt zusammen,
Braut ein Ragout von andrer Schmaus
Und blast die kümmerlichen Flammen
Aus eurem Aschenhäuschen 'raus!
Bewundrung von Kindern und Affen,
Wenn euch darnach der Gaumen steht-
Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen,
Wenn es euch nicht von Herzen geht.
WAGNER:
Allein der Vortrag macht des Redners Glück;
Ich fühl es wohl, noch bin ich weit zurück.
FAUST:
Such Er den redlichen Gewinn!
Sei Er kein schellenlauter Tor!
Es trägt Verstand und rechter Sinn
Mit wenig Kunst sich selber vor!
Und wenn's euch Ernst ist, was zu sagen,
Ist's nötig, Worten nachzujagen?
Ja, eure Reden, die so blinkend sind,
In denen ihr der Menschheit Schnitzel kräuselt,
Sind unerquicklich wie der Nebelwind,
Der herbstlich durch die dürren Blätter säuselt!
WAGNER:
Ach Gott! die Kunst ist lang;
Und kurz ist unser Leben.
Mir wird, bei meinem kritischen Bestreben,
Doch oft um Kopf und Busen bang.
Wie schwer sind nicht die Mittel zu erwerben,
Durch die man zu den Quellen steigt!
Und eh man nur den halben Weg erreicht,
Muß wohl ein armer Teufel sterben.
FAUST:
Das Pergament, ist das der heil'ge Bronnen,
Woraus ein Trunk den Durst auf ewig stillt?
Erquickung hast du nicht gewonnen,
Wenn sie dir nicht aus eigner Seele quillt.
WAGNER:
Verzeiht! es ist ein groß Ergetzen,
Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen;
Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,
Und wie wir's dann zuletzt so herrlich weit gebracht.
FAUST:
O ja, bis an die Sterne weit!
Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit
Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.
Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln.
Da ist's denn wahrlich oft ein Jammer!
Man läuft euch bei dem ersten Blick davon.
Ein Kehrichtfaß und eine Rumpelkammer
Und höchstens eine Haupt- und Staatsaktion
Mit trefflichen pragmatischen Maximen,
Wie sie den Puppen wohl im Munde ziemen!
WAGNER:
Allein die Welt! des Menschen Herz und Geist!
Möcht jeglicher doch was davon erkennen.
FAUST:
Ja, was man so erkennen heißt!
Wer darf das Kind beim Namen nennen?
Die wenigen, die was davon erkannt,
Die töricht g'nug ihr volles Herz nicht wahrten,
Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten,
Hat man von je gekreuzigt und verbrannt.
Ich bitt Euch, Freund, es ist tief in der Nacht,
Wir müssen's diesmal unterbrechen.
WAGNER:
Ich hätte gern nur immer fortgewacht,
Um so gelehrt mit Euch mich zu besprechen.
Doch morgen, als am ersten Ostertage,
Erlaubt mir ein' und andre Frage.
Mit Eifer hab' ich mich der Studien beflissen;
Zwar weiß ich viel, doch möcht' ich alles wissen.
Ab.
FAUST allein:
Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet,
Der immerfort an schalem Zeuge klebt,
Mit gier'ger Hand nach Schätzen gräbt,
Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet!
Darf eine solche Menschenstimme hier,
Wo Geisterfülle mich umgab, ertönen?
Doch ach! für diesmal dank ich dir,
Dem ärmlichsten von allen Erdensöhnen.
Du rittest mich von der Verzweiflung los,
Die mir die Sinne schon zerstören wollte.
Ach! die Erscheinung war so riesengroß,
Daß ich mich recht als Zwerg empfinden sollte.
Ich, Ebenbild der Gottheit, das sich schon
Ganz nah gedünkt dem Spiegel ew'ger Wahrheit,
Sein selbst genoß in Himmelsglanz und Klarheit,
Und abgestreift den Erdensohn;
Ich, mehr als Cherub, dessen freie Kraft
Schon durch die Adern der Natur zu fließen
Und, schaffend, Götterleben zu genießen
Sich ahnungsvoll vermaß, wie muß ich's büßen!
Ein Donnerwort hat mich hinweggerafft.
Nicht darf ich dir zu gleichen mich vermessen;
Hab ich die Kraft dich anzuziehn besessen,
So hatt ich dich zu halten keine Kraft.
Zu jenem sel'gen Augenblicke
Ich fühlte mich so klein, so groß;
Du stießest grausam mich zurück,
Ins ungewisse Menschenlos.
Wer lehret mich? was soll ich meiden?
Soll ich gehorchen jenem Drang?
Ach! unsre Taten selbst, so gut als unsre Leiden,
Sie hemmen unsres Lebens Gang.
Dem Herrlichsten, was auch der Geist empfangen,
Drängt immer fremd und fremder Stoff sich an;
Wenn wir zum Guten dieser Welt gelangen,
Dann heißt das Beßre Trug und Wahn.
Die uns das Leben gaben, herrliche Gefühle
Erstarren in dem irdischen Gewühle.
Wenn Phantasie sich sonst mit kühnem Flug
Und hoffnungsvoll zum Ewigen erweitert,
So ist ein kleiner Raum ihr genug,
Wenn Glück auf Glück im Zeitenstrudel scheitert.
Die Sorge nistet gleich im tiefen Herzen,
Dort wirket sie geheime Schmerzen,
Unruhig wiegt sie sich und störet Luft und Ruh;
Sie deckt sich stets mit neuen Masken zu,
Sie mag als Haus und Hof, als Weib und Kind erscheinen,
Als Feuer, Wasser, Dolch und Gift;
Du bebst vor allem, was nicht trifft,
Und was du nie verlierst, das mußt du stets beweinen.
Den Göttern gleich ich nicht! zu tief ist es gefühlt;
Dem Wurme gleich ich, der den Staub durchwühlt,
Den, wie er sich im Staube nährend lebt,
Des Wandrers Tritt vernichtet und begräbt.
Ist es nicht Staub, was diese hohe Wand
Aus hundert Fächern mit verenget?
Der Trödel, der mit tausendfachem Tand
In dieser Mottenwelt mich dränget?
Hier soll ich finden, was mir fehlt?
Soll ich vielleicht in tausend Büchern lesen,
Daß überall die Menschen sich gequält,
Daß hie und da ein Glücklicher gewesen?-
Was grinsest du mir, hohler Schädel, her?
Als daß dein Hirn, wie meines, einst verwirret
Den leichten Tag gesucht und in der Dämmrung schwer,
Mit Luft nach Wahrheit, jämmerlich geirret.
Ihr Instrumente freilich spottet mein,
Mit Rad und Kämmen, Walz und Bügel:
Ich stand am Tor, ihr solltet Schlüssel sein;
Zwar euer Bart ist kraus, doch hebt ihr nicht die Riegel.
Geheimnisvoll am lichten Tag
Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben,
Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,
Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.
Du alt Geräte, das ich nicht gebraucht,
Du stehst nur hier, weil dich mein Vater brauchte.
Du alte Rolle, du wirst angeraucht,
Solang an diesem Pult die trübe Lampe schmauchte.
Weit besser hätt ich doch mein Weniges verpraßt,
Als mit dem Wenigen belastet hier zu schwitzen!
Was du ererbt von deinem Vater hast,
Erwirb es, um es zu besitzen.
Was man nicht nützt, ist eine schwere Last,
Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.
Doch warum heftet sich mein Blick auf jene Stelle?
Ist jenes Fläschchen dort den Augen ein Magnet?
Warum wird mir auf einmal lieblich helle,
Als wenn im nächt'gen Wald uns Mondenglanz umweht?
Ich grüße dich, du einzige Phiole,
Die ich mit Andacht nun herunterhole!
In dir verehr ich Menschenwitz und Kunst.
Du Inbegriff der holden Schlummersäfte,
Du Auszug aller tödlich feinen Kräfte,
Erweise deinem Meister deine Gunst!
Ich sehe dich, es wird der Schmerz gelindert,
Ich fasse dich, das Streben wird gemindert,
Des Geistes Flutstrom ebbet nach und nach.
Ins hohe Meer werd ich hinausgewiesen,
Die Spiegelflut erglänzt zu meinen Füßen,
Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag.
Ein Feuerwagen schwebt, auf leichten Schwingen,
An mich heran! Ich fühle mich bereit,
Auf neuer Bahn den Äther zu durchdringen,
Zu neuen Sphären reiner Tätigkeit.
Dies hohe Leben, diese Götterwonne!
Du, erst noch Wurm, und die verdienest du?
Ja, kehre nur der holden Erdensonne
Entschlossen deinen Rücken zu!
Vermesse dich, die Pforten aufzureißen,
Vor denen jeder gern vorüberschleicht!
Hier ist es Zeit, durch Taten zu beweisen,
Das Manneswürde nicht der Götterhöhe weicht,
Vor jener dunkeln Höhle nicht zu beben,
In der sich Phantasie zu eigner Qual verdammt,
Nach jenem Durchgang hinzustreben,
Um dessen engen Mund die ganze Hölle flammt;
In diesem Schritt sich heiter zu entschließen,
Und wär es mit Gefahr, ins Nichts dahin zu fließen.
Nun komm herab, kristallne reine Schale!
Hervor aus deinem alten Futterale,
An die ich viele Jahre nicht gedacht!
Du glänzetst bei der Väter Freudenfeste,
Erheitertest die ernsten Gäste,
Wenn einer dich dem andern zugebracht.
Der vielen Bilder künstlich reiche Pracht,
Des Trinkers Pflicht, sie reimweis zu erklären,
Auf einen Zug die Höhlung auszuleeren,
Erinnert mich an manche Jugendnacht.
Ich werde jetzt dich keinem Nachbar reichen,
Ich werde meinen Witz an deiner Kunst nicht zeigen.
Hier ist ein Saft, der eilig trunken macht;
Mit brauner Flut erfüllt er deine Höhle.
Den ich bereit, den ich wähle,
"Der letzte Trunk sei nun, mit ganzer Seele,
Als festlich hoher Gruß, dem Morgen zugebracht!
Er setzt die Schale an den Mund.
Glockenklang und Chorgesang.
CHOR DER ENGEL:
Christ ist erstanden!
Freude dem Sterblichen,
Den die verderblichen,
Schleichenden, erblichen
Mängel unwanden.
FAUST:
Welch tiefes Summen, welch heller Ton
Zieht mit Gewalt das Glas von meinem Munde?
Verkündigt ihr dumpfen Glocken schon
Des Osterfestes erste Feierstunde?
Ihr Chöre, singt ihr schon den tröstlichen Gesang,
Der einst, um Grabes Nacht, von Engelslippen klang,
Gewißheit einem neuen Bunde?
CHOR DER WEIBER:
Mit Spezereien
Hatten wir ihn gepflegt,
Wir seine Treuen
Hatten ihn hingelegt;
Tücher und Binden
Reinlich unwanden wir,
Ach! und wir finden
Christ nicht mehr hier.
CHOR DER ENGEL:
Christ ist erstanden!
Selig der Liebende,
Der die betrübende,
Heilsam und übende
Prüfung bestanden.
FAUST:
Was sucht ihr, mächtig und gelind,
Ihr Himmelstöne, mich am Staube?
Klingt dort umher, wo weiche Menschen sind.
Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube;
Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.
Zu jenen Sphären wag ich nicht zu streben,
Woher die holde Nachricht tönt;
Und doch, an diesen Klang von Jugend auf gewöhnt,
Ruft er auch jetzt zurück mich in das Leben.
Sonst stürzte sich der Himmelsliebe Kuß
Auf mich herab in ernster Sabbatstille;
Da klang so ahnungsvoll des Glockentones Fülle,
Und ein Gebet war brünstiger Genuß;
Ein unbegreiflich holdes Sehnen
Trieb mich, durch Wald und Wiesen hinzugehn,
Und unter tausend heißen Tränen
Fühlt ich mir eine Welt entstehn.
Dies Lieb verkündete der Jugend muntre Spiele,
Der Frühlingsfeier freies Glück;
Erinnrung hält mich nun, mit kindlichem Gefühle,
Vom letzten, ernsten Schritt zurück.
O tönet fort, ihr süßen Himmelslieder!
Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder!
CHOR DER JÜNGER:
Hat der Begrabene
Schon sich nach oben,
Lebend Erhabene,
Herrlich erhoben;
Ist er in Werdeluft
Schaffender Freude nah:
Ach! an der Erde Brust
Sind wir zum Leide da.
Ließ er die Seinen
Schmachtend uns hier zurück;
Ach! wir beweinen,
Meister, dein Glück!
CHOR DER ENGEL:
Christ ist erstanden,
Aus der Verwesung Schoß.
Reißet von Banden
Freudig euch los!
Tätig ihn preisenden,
Liebe beweisenden,
Brüderlich speisenden,
Predigend reisenden,
Wonne verheißenden
Euch ist der Meister nah,
Euch ist er da!
Vor dem Tor
Spaziergänger aller Art ziehen hinaus.
EINIGE HANDWERKSBURSCHE:
Warum denn dort hinaus?
ANDRE:
Wir gehn hinaus aufs Jägerhaus.
DIE ERSTEN:
Wir aber wollen nach der Mühle wandern.
EIN HANDWERKSBURSCH:
Ich rat euch, nach dem Wasserhof zu gehn.
ZWEITER:
Der Weg dahin ist gar nicht schön.
DIE ZWEITEN:
Was tust denn du?
EIN DRITTER:
Ich gehe mit den andern.
VIERTER:
Nach Burgdorf kommt herauf, gewiß dort findet ihr
Die schönsten Mädchen und das beste Bier,
Und Händel von der ersten Sorte.
FÜNFTER:
Du überlustiger Gesell,
Juckt dich zum drittenmal das Fell?
Ich mag nicht hin, mir graut es vor dem Orte.
DIENSTMÄDCHEN:
Nein, nein! ich gehe nach der Stadt zurück.
ANDRE:
Wir finden ihn gewiß bei jenen Pappeln stehen.
ERSTE:
Das ist für mich kein großes Glück;
Er wird an deiner Seite gehen,
Mit dir nur tanzt er auf dem Plan.
Was gehn mich deine Freuden an!
ANDRE:
Heut ist er sicher nicht allein,
Der Krauskopf, sagt er, würde bei ihm sein.
SCHÜLER:
Blitz, wie die wackern Dirnen schreiten!
Herr Bruder, komm! wir müssen sie begleiten.
Ein starkes Bier, ein beizender Toback,
Und eine Magd im Putz, das ist nun mein Geschmack.
BÜRGERMÄDCHEN:
Da sieh mir nur die schönen Knaben!
Es ist wahrhaftig eine Schmach:
Gesellschaft könnten sie die allerbeste haben,
Und laufen diesen Mägden nach!
ZWEITER SCHÜLER zum ersten:
Nicht so geschwind! dort hinten kommen zwei,
Sie sind gar niedlich angezogen,
's ist meine Nachbarin dabei;
Ich bin dem Mädchen sehr gewogen.
Sie gehen ihren stillen Schritt
Und nehmen uns doch auch am Ende mit.
ERSTER:
Herr Bruder, nein! Ich bin nicht gern geniert.
Geschwind! daß wir das Wildbret nicht verlieren.
Die Hand, die samstags ihren Besen führt
Wird sonntags dich am besten karessieren.
BÜRGER:
Nein, er gefällt mir nicht, der neue Burgemeister!
Nun, da er's ist, wird er nur täglich dreister.
Und für die Stadt was tut denn er?
Wird es nicht alle Tage schlimmer?
Gehorchen soll man mehr als immer,
Und zahlen mehr als je vorher.
BETTLER singt:
Ihr guten Herrn, ihr schönen Frauen,
So wohlgeputzt und backenrot,
Belieb es euch, mich anzuschauen,
Und seht und mildert meine Not!
Laßt hier mich nicht vergebens leiern!
Nur der ist froh, der geben mag.
Ein Tag, den alle Menschen feiern,
Er sei für mich ein Erntetag.
ANDRER BÜRGER:
Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried und Friedenszeiten.
DRITTER BÜRGER:
Herr Nachbar, ja! so laß ich's auch geschehn:
Sie mögen sich die Köpfe spalten,
Mag alles durcheinander gehn;
Doch nur zu Hause bleib's beim alten.
ALTE zu den Bürgermädchen:
Ei! wie geputzt! das schöne junge Blut!
Wer soll sich nicht in euch vergaffen?-
Nur nicht so stolz! es ist schon gut!
Und was ihr wünscht, das wüßt ich wohl zu schaffen.
BÜRGERMÄDCHEN:
Agathe, fort! ich nehme mich in acht,
Mit solchen Hexen öffentlich zu gehen;
Sie ließ mich zwar in Sankt Andreas' Nacht
Den künft'gen Liebsten leiblich sehen-
DIE ANDRE:
Mir zeigte sie ihn im Kristall,
Soldatenhaft, mit mehreren Verwegnen;
Ich seh mich um, ich such ihn überall,
Allein mir will er nicht begegnen.
SOLDATEN:
Burgen mit hohen
Mauern und Zinnen,
Mädchen mit stolzen
Höhnenden Sinnen
Möcht ich gewinnen!
Kühn ist das Mühen,
Herrlich der Lohn!
Und die Trompete
Lassen wir werben,
Wie zu der Freude,
So zum Verderben.
Das ist ein Stürmen!
Das ist ein Leben!
Mädchen und Burgen
Müssen sich geben.
Kühn ist das Mühen,
Herrlich der Lohn!
Und die Soldaten
Ziehen davon.
Faust und Wagner.
FAUST:
Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer kornigen Eises
In Streifen über die grünende Flur;
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlt's im Revier
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurückzusehen.
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß, in Breit und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und bis zum Sinken überladen
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!
WAGNER:
Mit Euch, Herr Doktor, zu spazieren
Ist ehrenvoll und ist Gewinn;
Doch würd ich nicht allein mich her verlieren,
Weil ich ein Feind von allem Rohen bin.
Das Fiedeln, Schreien, Kegelschieben
Ist mir ein gar verhaßter Klang;
Sie toben wie vom bösen Geist getrieben
Und nennen's Freude. nennen's Gesang.
Bauern unter der Linde. Tanz und Gesang.
Der Schäfer putzte sich zum Tanz,
Mit bunter Jacke, Band und Kranz,
Schmuck war er angezogen.
Schon um die Linde war es voll,
Und alles tanzte schon wie toll.
Juchhe! Juchhe!
Juchheisa! Heisa! He!
So ging der Fiedelbogen.
Er drückte hastig sich heran,
Da stieß er an ein Mädchen an
Mit seinem Ellenbogen;
Die frische Dirne kehrt, sich um
Und sagte: Nun, das find ich dumm!
Juchhe! Juchhe!
Juchheisa! Heisa! He!
Seid nicht so ungezogen!
Doch hurtig in dem Kreise ging's,
Sie tanzten rechts, sie tanzten links,
Und alle Röcke flogen.
Sie wurden rot, sie wurden warm
Und ruhten atmend Arm in Arm,
Juchhe! Juchhe!
Juchheisa! Heisa! He!
Und Hüft an Ellenbogen.
Und tu mir doch nicht so vertraut!
Wie mancher hat nicht seine Braut
Belogen und betrogen!
Er schmeichelte sie doch bei Seit,
Und von der Linde scholl es weit:
Juchhe! Juchhe!
Juchheisa! Heisa! He!
Geschrei und Fiedelbogen.
ALTER BAUER:
Herr Doktor, das ist schön von Euch,
Daß Ihr uns heute nicht verschmäht,
Und unter dieses Volksgedräng,
Als ein so Hochgelahrter, geht.
So nehmet auch den schönsten Krug,
Den wir mit frischem Trunk gefüllt,
Ich bring ihn zu und wünsche laut,
Daß er nicht nur den Durst Euch stillt:
Die Zahl der Tropfen, die er hegt,
Sei Euren Tagen zugelegt.
FAUST:
Ich nehme den Erquickungstrank
Enwidr' euch allen Heil und Dank.
Das Volk sammelt sich im Kreis umher.
ALTER BAUER:
Fürwahr, es ist sehr wohl getan,
Daß Ihr am frohen Tag erscheint;
Habt Ihr es vormals doch mit uns
An bösen Tagen gut gemeint!
Gar mancher steht lebendig hier
Den Euer Vater noch zuletzt
Der heißen Fieberwut entriß,
Als er der Seuche Ziel gesetzt.
Auch damals Ihr, ein junger Mann,
Ihr gingt in jedes Krankenhaus,
Gar manche Leiche trug man fort,
Ihr aber kamt gesund heraus,
Bestandet manche harte Proben;
Dem Helfer half der Helfer droben.
ALLE:
Gesundheit dem bewährten Mann,
Daß er noch lange helfen kann!
FAUST:
Vor jenem droben steht gebückt,
Der helfen lehrt und Hülfe schickt.
Er geht mit Wagnern weiter.
WAGNER:
Welch ein Gefühl mußt du, o großer Mann,
Bei der Verehrung dieser Menge haben!
O glücklich, wer von seinen Gaben
Solch einen Vorteil ziehen kann!
Der Vater zeigt dich seinem Knaben,
Ein jeder fragt und drängt und eilt,
Die Fiedel stockt, der Tänzer weilt.
Du gehst, in Reihen stehen sie,
Die Mützen fliegen in die Höh;
Und wenig fehlt, so beugten sich die Knie,
Als käm das Venerabile.
FAUST:
Nur wenig Schritte noch hinauf zu jenem Stein,
Hier wollen wir von unsrer Wandrung rasten.
Hier saß ich oft gedankenvoll allein
Und quälte mich mit Beten und mit Fasten.
An Hoffnung reich, im Glauben fest,
Mit Tränen, Seufzen, Händeringen
Dacht ich das Ende jener Pest
Vom Herrn des Himmels zu erzwingen.
Der Menge Beifall tönt mir nun wie Hohn.
O könntest du in meinem Innern lesen,
Wie wenig Vater und Sohn
Solch eines Ruhmes wert gewesen!
Mein Vater war ein dunkler Ehrenmann,
Der über die Natur und ihre heil'gen Kreise
In Redlichkeit, jedoch auf seine Weise,
Mit grillenhafter Mühe sann;
Der, in Gesellschaft von Adepten,
Sich in die schwarze Küche schloß,
Und, nach unendlichen Rezepten,
Das Widrige zusammengoß.
Da ward ein roter Leu, ein kühner Freier,
Im lauen Bad der Lilie vermählt,
Und beide dann mit offnem Flammenfeuer
Aus einem Brautgemach ins andere gequält.
Erschien darauf mit bunten Farben
Die junge Königin im Glas,
Hier war die Arzenei, die Patienten starben,
Und niemand fragte: wer genas?
So haben wir mit höllischen Latwergen
In diesen Tälern, diesen Bergen
Weit schlimmer als die Pest getobt.
Ich habe selbst den Gift an Tausende gegeben:
Sie welkten hin, ich muß erleben,
Daß man die frechen Mörder lobt.
WAGNER:
Wie könnt Ihr Euch darum betrüben!
Tut nicht ein braver Mann genug,
Die Kunst, die man ihm übertrug,
Gewissenhaft und pünktlich auszuüben?
Wenn du als Jüngling deinen Vater ehrst,
So wirst du gern von ihm empfangen;
Wenn du als Mann die Wissenschaft vermehrst,
So kann dein Sohn zu höhrem Ziel gelangen.
FAUST:
O glücklich, wer noch hoffen kann,
Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!
Was man nicht weiß, das eben brauchte man,
Und was man weiß, kann man nicht brauchen.
Doch laß uns dieser Stunde schönes Gut
Durch solchen Trübsinn nicht verkümmern!
Betrachte, wie in Abendsonne-Glut
Die grünumgebnen Hütten schimmern.
Sie rückt und weicht, der Tag ist überlebt,
Dort eilt sie hin und fördert neues Leben.
O daß kein Flügel mich vom Boden hebt
Ihr nach und immer nach zu streben!
Ich säh im ewigen Abendstrahl
Die stille Welt zu meinen Füßen,
Entzündet alle Höhn beruhigt jedes Tal,
Den Silberbach in goldne Ströme fließen.
Nicht hemmte dann den göttergleichen Lauf
Der wilde Berg mit allen seinen Schluchten;
Schon tut das Meer sich mit erwärmten Buchten
Vor den erstaunten Augen auf.
Doch scheint die Göttin endlich wegzusinken;
Allein der neue Trieb erwacht,
Ich eile fort, ihr ew'ges Licht zu trinken,
Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht,
Den Himmel über mir und unter mir die Wellen.
Ein schöner Traum, indessen sie entweicht.
Ach! zu des Geistes Flügeln wird so leicht
Kein körperlicher Flügel sich gesellen.
Doch ist es jedem eingeboren
Daß sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt,
Wenn über uns, im blauen Raum verloren,
Ihr schmetternd Lied die Lerche singt;
Wenn über schroffen Fichtenhöhen
Der Adler ausgebreitet schwebt,
Und über Flächen, über Seen
Der Kranich nach der Heimat strebt.
WAGNER:
Ich hatte selbst oft grillenhafte Stunden,
Doch solchen Trieb hab ich noch nie empfunden.
Man sieht sich leicht an Wald und Feldern satt;
Des Vogels Fittich werd ich nie beneiden.
Wie anders tragen uns die Geistesfreuden
Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt!
Da werden Winternächte hold und schön
Ein selig Leben wärmet alle Glieder,
Und ach! entrollst du gar ein würdig Pergamen,
So steigt der ganze Himmel zu dir nieder.
FAUST:
Du bist dir nur des einen Triebs bewußt,
O lerne nie den andern kennen!
Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.
O gibt es Geister in der Luft,
Die zwischen Erd und Himmel herrschend weben
So steiget nieder aus dem goldnen Duft
Und führt mich weg zu neuem, buntem Leben!
Ja, wäre nur ein Zaubermantel mein,
Und trüg er mich in fremde Länder!
Mir sollt er um die köstlichsten Gewänder,
Nicht feil um einen Königsmantel sein.
WAGNER:
Berufe nicht die wohlbekannte Schar,
Die strömend sich im Dunstkreis überbreitet,
Dem Menschen tausendfältige Gefahr,
Von allen Enden her, bereitet.
Von Norden dringt der scharfe Geisterzahn
Auf dich herbei, mit pfeilgespitzten Zungen;
Von Morgen ziehn, vertrocknend, sie heran,
Und nähren sich von deinen Lungen;
Wenn sie der Mittag aus der Wüste schickt,
Die Glut auf Glut um deinen Scheitel häufen
So bringt der West den Schwarm, der erst erquickt,
Um dich und Feld und Aue zu ersäufen.
Sie hören gern, zum Schaden froh gewandt,
Gehorchen gern, weil sie uns gern betrügen;
Sie stellen wie vom Himmel sich gesandt,
Und lispeln englisch, wenn sie lügen.
Doch gehen wir! Ergraut ist schon die Welt,
Die Luft gekühlt, der Nebel fällt!
Am Abend schätzt man erst das Haus.-
Was stehst du so und blickst erstaunt hinaus?
Was kann dich in der Dämmrung so ergreifen?
FAUST:
Siehst du den schwarzen Hund durch Saat und Stoppel streifen?
WAGNER:
Ich sah ihn lange schon, nicht wichtig schien er mir.
FAUST:
Betracht ihn recht! für was hältst du das Tier?
WAGNER:
Für einen Pudel, der auf seine Weise
Sich auf der Spur des Herren plagt.
FAUST:
Bemerkst du, wie in weitem Schneckenkreise
Er um uns her und immer näher jagt?
Und irr ich nicht, so zieht ein Feuerstrudel
Auf seinen Pfaden hinterdrein.
WAGNER:
Ich sehe nichts als einen schwarzen Pudel;
Es mag bei Euch wohl Augentäuschung sein.
FAUST:
Mir scheint es, daß er magisch leise Schlingen
Zu künft'gem Band um unsre Füße zieht.
WAGNER:
Ich seh ihn ungewiß und furchtsam uns umspringen,
Weil er, statt seines Herrn, zwei Unbekannte sieht.
FAUST:
Der Kreis wird eng, schon ist er nah!
WAGNER:
Du siehst! ein Hund, und kein Gespenst ist da.
Er knurrt und zweifelt, legt sich auf den Bauch,
Er wedelt. Alles Hundebrauch.
FAUST:
Geselle dich zu uns! Komm hier!
WAGNER:
Es ist ein pudelnärrisch Tier.
Du stehest still, er wartet auf;
Du sprichst ihn an, er strebt an dir hinauf;
Verliere was, er wird es bringen,
Nach deinem Stock ins Wasser springen.
FAUST:
Du hast wohl recht; ich finde nicht die Spur
Von einem Geist, und alles ist Dressur.
WAGNER:
Dem Hunde, wenn er gut gezogen,
Wird selbst ein weiser Mann gewogen.
Ja, deine Gunst verdient er ganz und gar,
Er, der Studenten trefflicher Skolar.
Sie gehen in das Stadttor.
Studierzimmer (Pudelszene)
FAUST mit dem Pudel hereintretend:
Verlassen hab ich Feld und Auen,
Die eine tiefe Nacht bedeckt,
Mit ahnungsvollem, heil'gem Grauen
In uns die beßre Seele weckt.
Entschlafen sind nun wilde Triebe
Mit jedem ungestümen Tun;
Es reget sich die Menschenliebe,
Die Liebe Gottes regt sich nun.
Sei ruhig, Pudel! renne nicht hin und wider!
An der Schwelle was schnoperst du hier?
Lege dich hinter den Ofen nieder,
Mein bestes Kissen geb ich dir.
Wie du draußen auf dem bergigen Wege
Durch Rennen und Springen ergetzt uns hast,
So nimm nun auch von mir die Pflege,
Als ein willkommner stiller Gast.
Ach wenn in unsrer engen Zelle
Die Lampe freundlich wieder brennt,
Dann wird's in unserm Busen helle,
Im Herzen, das sich selber kennt.
Vernunft fängt wieder an zu sprechen,
Und Hoffnung wieder an zu blühn,
Man sehnt sich nach des Lebens Bächen,
Ach! nach des Lebens Quelle hin.
Knurre nicht, Pudel! Zu den heiligen Tönen,
Die jetzt meine ganze Seel umfassen,
Will der tierische Laut nicht passen.
Wir sind gewohnt, daß die Menschen verhöhnen,
Was sie nicht verstehn,
Daß sie vor dem Guten und Schönen,
Das ihnen oft beschwerlich ist, murren;
Will es der Hund, wie sie, beknurren?
Aber ach! schon fühl ich, bei dem besten Willen,
Befriedigung nicht mehr aus dem Busen quillen.
Aber warum muß der Strom so bald versiegen,
Und wir wieder im Durste liegen?
Davon hab ich so viel Erfahrung.
Doch dieser Mangel läßt sich ersetzen,
Wir lernen das Überirdische schätzen,
Wir sehnen uns nach Offenbarung,
Die nirgends würd'ger und schöner brennt
Als in dem Neuen Testament.
Mich drängt's, den Grundtext aufzuschlagen,
Mit redlichem Gefühl einmal
Das heilige Original
In mein geliebtes Deutsch zu übertragen,
Er schlägt ein Volum auf und schickt sich an.
Geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort!“
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Daß deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!
Soll ich mit dir das Zimmer teilen,
Pudel, so laß das Heulen,
So laß das Bellen!
Solch einen störenden Gesellen
Mag ich nicht in der Nähe leiden.
Einer von uns beiden
Muß die Zelle meiden.
Ungern heb ich das Gastrecht auf,
Die Tür ist offen, hast freien Lauf.
Aber was muß ich sehen!
Kann das natürlich geschehen?
Ist es Schatten? ist's Wirklichkeit?
Wie wird mein Pudel lang und breit!
Er hebt sich mit Gewalt,
Das ist nicht eines Hundes Gestalt!
Welch ein Gespenst bracht ich ins Haus!
Schon sieht er wie ein Nilpferd aus,
Mit feurigen Augen, schrecklichem Gebiß.
Oh! du bist mir gewiß!
Für solche halbe Höllenbrut
Ist Salomonis Schlüssel gut.
GEISTER auf dem Gange:
Drinnen gefangen ist einer!
Bleibet haußen, folg ihm keiner!
Wie im Eisen der Fuchs,
Zagt ein alter Höllenluchs.
Aber gebt acht!
Schwebet hin, schwebet wider,
Auf und nieder,
Und er hat sich losgemacht.
Könnt ihr ihm nützen,
Laßt ihn nicht sitzen!
Denn er tat uns allen
Schon viel zu Gefallen.
FAUST:
Erst zu begegnen dem Tiere,
Brauch ich den Spruch der Viere:
Salamander soll glühen,
Undene sich winden,
Sylphe verschwinden,
Kobold sich mühen
Wer sie nicht kennte
Die Elemente,
Ihre Kraft
Und Eigenschaft,
Wäre kein Meister
Über die Geister.
Verschwind in Flammen,
Salamander!
Rauschend fließe zusammen,
Undene!
Leucht in Meteoren-Schöne,
Sylphe!
Bring häusliche Hülfe,
Incubus! Incubus!
Tritt hervor und mache den Schluß!
Keines der Viere
Steckt in dem Tiere.
Es liegt ganz ruhig und grinst mich an;
Ich hab ihm noch nicht weh getan.
Du sollst mich hören
Stärker beschwören.
Bist du, Geselle
Ein Flüchtling der Hölle?
So sieh dies Zeichen
Dem sie sich beugen,
Die schwarzen Scharen!
Schon schwillt es auf mit borstigen Haaren.
Verworfnes Wesen!
Kannst du ihn lesen?
Den nie Entsproßnen,
Unausgesprochnen,
Durch alle Himmel Gegoßnen,
Freventlich Durchstochnen?
Hinter den Ofen gebannt,
Schwillt es wie ein Elefant
Den ganzen Raum füllt es an,
Es will zum Nebel zerfließen.
Steige nicht zur Decke hinan!
Lege dich zu des Meisters Füßen!
Du siehst, daß ich nicht vergebens drohe.
Ich versenge dich mit heiliger Lohe!
Erwarte nicht
Das dreimal glühende Licht!
Erwarte nicht
Die stärkste von meinen Künsten!
Mephistopheles tritt, indem der Nebel fällt, gekleidet wie ein fahrender Scholastikus, hinter dem Ofen hervor.
MEPHISTOPHELES:
Wozu der Lärm? was steht dem Herrn zu Diensten?
FAUST:
Das also war des Pudels Kern!
Ein fahrender Skolast? Der Kasus macht mich lachen.
MEPHISTOPHELES:
Ich salutiere den gelehrten Herrn!
Ihr habt mich weidlich schwitzen machen.
FAUST:
Wie nennst du dich?
MEPHISTOPHELES:
Die Frage scheint mir klein
Für einen, der das Wort so sehr verachtet,
Der, weit entfernt von allem Schein,
Nur in der Wesen Tiefe trachtet.
FAUST:
Bei euch, ihr Herrn, kann man das Wesen
Gewöhnlich aus dem Namen lesen,
Wo es sich allzu deutlich weist,
Wenn man euch Fliegengott, Verderber, Lügner heißt.
Nun gut, wer bist du denn?
MEPHISTOPHELES:
Ein Teil von jener Kraft,
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.
FAUST:
Was ist mit diesem Rätselwort gemeint?
MEPHISTOPHELES:
Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, daß es zugrunde geht;
Drum besser wär's, daß nichts entstünde.
So ist denn alles, was ihr Sünde,
Zerstörung, kurz, das Böse nennt,
Mein eigentliches Element.
FAUST:
Du nennst dich einen Teil, und stehst doch ganz vor mir?
MEPHISTOPHELES:
Bescheidne Wahrheit sprech ich dir.
Wenn sich der Mensch, die kleine Narrenwelt
Gewöhnlich für ein Ganzes hält-
Ich bin ein Teil des Teils, der anfangs alles war
Ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar
Das stolze Licht, das nun der Mutter Nacht
Den alten Rang, den Raum ihr streitig macht,
Und doch gelingt's ihm nicht, da es, so viel es strebt,
Verhaftet an den Körpern klebt.
Von Körpern strömt's, die Körper macht es schön,
Ein Körper hemmt's auf seinem Gange;
So, hoff ich, dauert es nicht lange,
Und mit den Körpern wird's zugrunde gehn.
FAUST:
Nun kenn ich deine würd'gen Pflichten!
Du kannst im Großen nichts vernichten
Und fängst es nun im Kleinen an.
MEPHISTOPHELES:
Und freilich ist nicht viel damit getan.
Was sich dem Nichts entgegenstellt,
Das Etwas, diese plumpe Welt
So viel als ich schon unternommen
Ich wußte nicht ihr beizukommen
Mit Wellen, Stürmen, Schütteln, Brand-
Geruhig bleibt am Ende Meer und Land!
Und dem verdammten Zeug, der Tier- und Menschenbrut,
Dem ist nun gar nichts anzuhaben:
Wie viele hab ich schon begraben!
Und immer zirkuliert ein neues, frisches Blut.
So geht es fort, man möchte rasend werden!
Der Luft, dem Wasser wie der Erden
Entwinden tausend Keime sich,
Im Trocknen, Feuchten, Warmen, Kalten!
Hätt ich mir nicht die Flamme vorbehalten,
Ich hätte nichts Aparts für mich.
FAUST:
So setzest du der ewig regen,
Der heilsam schaffenden Gewalt
Die kalte Teufelsfaust entgegen,
Die sich vergebens tückisch ballt!
Was anders suche zu beginnen
Des Chaos wunderlicher Sohn!
MEPHISTOPHELES:
Wir wollen wirklich uns besinnen,
Die nächsten Male mehr davon!
Dürft ich wohl diesmal mich entfernen?
FAUST:
Ich sehe nicht, warum du fragst.
Ich habe jetzt dich kennen lernen
Besuche nun mich, wie du magst.
Hier ist das Fenster, hier die Türe,
Ein Rauchfang ist dir auch gewiß.
MEPHISTOPHELES:
Gesteh ich's nur! daß ich hinausspaziere,
Verbietet mir ein kleines Hindernis,
Der Drudenfuß auf Eurer Schwelle-
FAUST:
Das Pentagramma macht dir Pein?
Ei sage mir, du Sohn der Hölle,
Wenn das dich bannt, wie kamst du denn herein?
Wie ward ein solcher Geist betrogen?
MEPHISTOPHELES:
Beschaut es recht! es ist nicht gut gezogen:
Der eine Winkel, der nach außen zu,
Ist, wie du siehst, ein wenig offen.
FAUST:
Das hat der Zufall gut getroffen!
Und mein Gefangner wärst denn du?
Das ist von ungefähr gelungen!
MEPHISTOPHELES:
Der Pudel merkte nichts, als er hereingesprungen,
Die Sache sieht jetzt anders aus:
Der Teufel kann nicht aus dem Haus.
FAUST:
Doch warum gehst du nicht durchs Fenster?
MEPHISTOPHELES:
's ist ein Gesetz der Teufel und Gespenster:
Wo sie hereingeschlüpft, da müssen sie hinaus.
Das erste steht uns frei, beim zweiten sind wir Knechte.
FAUST:
Die Hölle selbst hat ihre Rechte?
Das find ich gut, da ließe sich ein Pakt,
Und sicher wohl, mit euch, ihr Herren, schließen?
MEPHISTOPHELES:
Was man verspricht, das sollst du rein genießen,
Dir wird davon nichts abgezwackt.
Doch das ist nicht so kurz zu fassen,
Und wir besprechen das zunächst
Doch jetzo bitt ich, hoch und höchst,
Für dieses Mal mich zu entlassen.
FAUST:
So bleibe doch noch einen Augenblick,
Um mir erst gute Mär zu sagen.
MEPHISTOPHELES:
Jetzt laß mich los! ich komme bald zurück;
Dann magst du nach Belieben fragen.
FAUST:
Ich habe dir nicht nachgestellt,
Bist du doch selbst ins Garn gegangen.
Den Teufel halte, wer ihn hält!
Er wird ihn nicht so bald zum zweiten Male fangen.
MEPHISTOPHELES:
Wenn dir's beliebt, so bin ich auch bereit,
Dir zur Gesellschaft hier zu bleiben;
Doch mit Bedingnis, dir die Zeit
Durch meine Künste würdig zu vertreiben.
FAUST:
Ich seh es gern, das steht dir frei;
Nur daß die Kunst gefällig sei!
MEPHISTOPHELES:
Du wirst, mein Freund, für deine Sinnen
In dieser Stunde mehr gewinnen
Als in des Jahres Einerlei.
Was dir die zarten Geister singen,
Die schönen Bilder, die sie bringen,
Sind nicht ein leeres Zauberspiel.
Auch dein Geruch wird sich ergetzen,
Dann wirst du deinen Gaumen letzen,
Und dann entzückt sich dein Gefühl.
Bereitung braucht es nicht voran,
Beisammen sind wir, fanget an!
GEISTER:
Schwindet, ihr dunkeln
Wölbungen droben!
Reizender schaue
Freundlich der blaue
Äther herein!
Wären die dunkeln
Wolken zerronnen!
Sternelein funkeln,
Mildere Sonnen
Scheinen darein.
Himmlischer Söhne
Geistige Schöne,
Schwankende Beugung
Schwebet vorüber.
Sehnende Neigung
Folget hinüber;
Und der Gewänder
Flatternde Bänder
Decken die Länder,
Decken die Laube,
Wo sich fürs Leben,
Tief in Gedanken,
Liebende geben.
Laube bei Laube!
Sprossende Ranken!
Lastende Traube
Stürzt ins Behälter
Drängender Kelter,
Stürzen in Bächen
Schäumende Weine,
Rieseln durch reine,
Edle Gesteine,
Lassen die Höhen
Hinter sich liegen,
Breiten zu Seen
Sich ums Genüge
Grünender Hügel.
Und das Geflügel
Schlürfet sich Wonne,
Flieget der Sonne,
Flieget den hellen
Inseln entgegen,
Die sich auf Wellen
Gauklend bewegen;
Wo wir in Chören
Jauchzende hören,
Über den Auen
Tanzende schauen,
Die sich im Freien
Alle zerstreuen.
Einige klimmen
Über die Höhen,
Andere schwimmen
Über die Seen,
Andere schweben;
Alle zum Leben,
Alle zur Ferne
Liebender Sterne,
Seliger Huld.
MEPHISTOPHELES:
Er schläft! So recht, ihr luft'gen zarten Jungen!
Ihr habt ihn treulich eingesungen!
Für dies Konzert bin ich in eurer Schuld.
Du bist noch nicht der Mann, den Teufel festzuhalten!
Umgaukelt ihn mit süßen Traumgestalten,
Versenkt ihn in ein Meer des Wahns;
Doch dieser Schwelle Zauber zu zerspalten,
Bedarf ich eines Rattenzahns.
Nicht lange brauch ich zu beschwören,
Schon raschelt eine hier und wird sogleich mich hören.
Der Herr der Ratten und der Mäuse,
Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse
Befiehlt dir, dich hervor zu wagen
Und diese Schwelle zu benagen,
So wie er sie mit Öl betupft-
Da kommst du schon hervorgehupft!
Nur frisch ans Werk! Die Spitze, die mich bannte,
Sie sitzt ganz vornen an der Kante.
Noch einen Biß, so ist's geschehn.-
Nun, Fauste, träume fort, bis wir uns wiedersehn.
FAUST erwachend:
Bin ich denn abermals betrogen?
Verschwindet so der geisterreiche Drang
Daß mir ein Traum den Teufel vorgelogen,
Und daß ein Pudel mir entsprang?
......
Goethe (1808)
Montag, 15. Februar 2010
Metamorphosen - 1.Gesang
1. Prooemium
Götteranruf
Lust wird rege zum Sang, wie sich Formen in andere Körper
Wandelten. Götter, o seid - ihr habt ja auch sie gewandelt -
Meinem Beginnen geneigt, und vom Uranfange der Schöpfung
Führt bis auf unsere Zeit des Gedichts fortlaufenden Faden.
2. Die Weltentstehung
Die Ursuppe (Systole)
Ehe denn Meer und Land und der alles bedeckende Himmel,
War in dem ganzen Bereich der Natur ein einziges Aussehn,
Das man Chaos genannt, ein verworrenes rohes Gemenge,
Anderes nicht als träges Gewicht und zwistige Keime,
Trübe zu einem gehäuft zu lose verbundenen Stoffen.
Noch goss kein Titan in das Weltall leuchtende Strahlen,
Noch nicht füllete aus durch Zuwachs Phoibe die Hörner.
Eignes Gewicht auch hielt noch nicht frei schwebend die Erde
In der umfließenden Luft, noch breitete Amphitrite
Nicht weithin an dem Rand daliegender Länder die Arme:
Da, wo Aither, alldort war Erdreich, Luft und Gewässer.
So war nicht zum Stehen das Land, zum Schwimmen die Woge,
Lichtes entbehrte die Luft, die Gestalt blieb keinem beständig.
Eins war feindlich im Wege dem anderen, weil in der Masse
Kaltes im Streit stets lag mit Warmem, mit Trockenem Feuchtes,
Weiches mit Hartem und mit dem Gewichtigen das, was gewichtlos.
Elementare Ausdifferenzierung (Diastole)
Aber dem Zwist gab Schlichtung ein Gott und die bessere Triebkraft,
Denn er schied von dem Himmel das Land und vom Lande die Wogen,
Und von der dunstigen Luft los trennt' er den lauteren Himmel.
Als er so sie entwirrt und dem finsteren Haufen entnommen,
Schloss er gesondert im Raum sie zusammen in friedlicher Eintracht.
Ohne Gewicht stieg auf lichtvoll des gewölbeten Himmels
Feurige Kraft und ersah sich die Statt in der obersten Höhe.
Ihr ist die Luft am nächsten im Raum und im Mangel an Schwere.
Dichter als sie zog an die gröberen Teile die Erde,
Niedergedrückt durch eignes Gewicht. Das umströmende Wasser
Wählte den äußersten Sitz und umschloss den gefestigten Erdkreis.
Gestaltung von Erde und Himmel zu elementaren Lebensräumen
Wie er so das Gemisch, wer jener der Götter gewesen,
Ordnend hatte zerteilt und in Schichten gefügt das zerteilte,
Rundete er im Beginn, auf dass nach jeglicher Seite
Gleich sie wäre, zur Form großmächtigen Kugel die Erde.
Dann goss Fluten er aus und hieß sie von tobenden Winden
Schwellen und rings umfangen umgürteter Erde Gestade;
Quellen gesellt' er dazu und Seen und unendliche Sümpfe
Und wies Flüssen die Bahn in den Grenzen gewundener Ufer,
Die in verschiedenem Lauf teils werden geschlürft von dem Grunde,
Teils hinkommen zum Meer und, empfangen vom offenen Felde
Freierer Flut anstatt der Ufer bespülen die Küsten.
Ebenen ließ er sich auch ausdehnen und Täler sich senken,
Wälder sich decken mit Laub, aufsteigen die steinigen Berge.
Und wie den himmlischen Raum zwei Gürtel durchschneiden zur Rechten,
Links gleichviel und heißer als sie in der Mitte der fünfte,
So in die nämliche Zahl schied auch die geschlossene Masse
Sorglich der Gott, und es trägt gleich viele der Striche die Erde.
Der in der Mitte sich zieht, ist nicht vor Hitze bewohnbar;
Zwei deckt mächtiger Schnee; zwei legte er zwischen die beiden,
Denen er Mäßigung gab, mit der Glut die Kälte vermengend.
Drüber schwebet die Luft, die lastender ist als das Feuer
So viel, wie an Gewicht nachsteht der Erde das Wasser.
Dort hieß Nebel er auch, dort dunstige Wolken sich lagern
Samt dem Donnergeroll, das menschliche Herzen erschrecke,
Und mit den Blitzen zugleich die Frost herführenden Winde.
Ihrem Gelüste jedoch gab nicht zum Schweifen den Luftraum
Frei der Erbauer der Welt. Kaum wird jetzt ihnen gewehret,
Da in verschiedenem Strich sein Wehn doch jeglicher richtet,
Dass sie zerreißen die Welt: so liegen in Hader die Brüder.
Fern zu Aurora entwich, gen Persien und Nabatäa
Und zu den Höhen der Ost, die stehen im Lichte des Morgens;
Abendlich Land und die Küsten gewärmt von der sinkenden Sonne
Liegen dem Weste zunächst; die Skythen befällt und die sieben
Stiere der schaurige Nord; durch unablässige Wolken
Nässt gegenüber das Land der regengeschwängerte Südwind.
Drobhin lagert' er dann den klar durchsichtigen Aither,
Der von Schwere befreit nichts hat von der irdischen Hefe.
Kaum nun hatt' er verzäunt das alles in sichere Grenzen,
Als die Gestirne, die lang sich gepresst in jenem Gemenge
Bargen, am Himmel umher glanzreich begannen zu flimmern.
Besiedlung der elementaren Lebensräume
Jetzo, damit kein Raum ermangele seiner Bewohner,
Haben den himmlischen Sitz mit den Sternen die Göttergestalten;
Wohnstatt ward in den Wellen verliehn den glänzenden Fischen;
Tiere bekam das Land und Vögel der regsame Luftraum.
Die Sonderstellung des Menschen
Aber es fehlete noch ein Geschöpf, das höher an Würde
Mit tiefdenkendem Geiste den anderen könnte gebieten.
Sieh, da wurde der Mensch, ob ihn aus göttlichem Samen
Machte der Bildner der Welt, der Urquell besserer Schöpfung,
Oder die Erd' im Beginn, die sich vom erhabenen Aither
Eben gelöst, noch Keime behielt gleichartigen Himmels
Und des Iapetos Sohn sie gemengt mit fließenden Wellen
Bildete gleich der Gestalt der alles beherrschenden Götter.
Während die Erde gebückt ansehen die andern Geschöpfe,
Gab er erhabnes Gesicht dem Menschen und ließ ihn den Himmel
Schauen und richten empor zu den Sternen gewendet das Antlitz.
Also kleidete sich die völlig veränderte Erde,
Formlos eben und wüst, mit den neuen Gebilden der Menschen.
3. Die vier Weltzeitalter
Das goldene Zeitalter
Erst nun sprosste von Gold das Geschlecht, das ohne Bewachung
Willig und ohne Gesetz ausübte das Recht und die Treue.
Strafe und Furcht waren fern; nicht lasen sie drohende Worte
Nicht an geheftetem Erz, noch stand ein flehender Haufe
Bang vor des Richters Gesicht: Schutz hatten sie ohne den Richter.
Noch nicht hatte, gefällt auf heimischen Bergen, die Fichte,
Andere Welt zu sehn, sich gesenkt in die flüssigen Wogen;
Noch von keinem Gestad', als dem ihrigen, wussten die Menschen.
Noch umgürteten nicht abschüssige Gräben die Städte;
Kein krummgehendes Horn und keine gerade Drommete
War, kein Helm, kein Schwert. In behaglicher Muße vergingen,
Ohne des Kriegers Bedarf die Tage den sicheren Völkern
Undienstbar und verschont von dem Karst und von schneidender Pflugschar
Nimmer verletzt gab alles von selbst die gesegnete Erde,
Und mit Speisen zufrieden, die zwanglos waren gewachsen,
Lasen sie Arbutusfrucht, Erdbeeren an sonniger Halde
Oder am rauhen Gerank Brombeeren und rote Cornellen
Und von dem ästigen Baume des Iupiter fallende Eicheln.
Da war ewiger Lenz, und gelind mit lauem Gesäusel
Küsste die Blumen der West, die sprosseten ohne Besamung.
Nicht vom Pfluge bestellt trug bald auch Halme die Erde;
Ohne zu ruhn ward grau von belasteten Ähren der Acker.
Ströme von Milch nun wallten daher und Ströme von Nektar,
Und gelb tropfte herab von der grünenden Eiche der Honig.
Das silberne Zeitalter
Als nunmehr, da gestürzt in des Tartaros Dunkel Saturnus,
Iupiter lenkte die Welt, da folgte das silberne Alter,
Schlechter als Gold, im Werte voraus dem rötlichen Erze.
Iupiter schmälerte nun die Zeit vormaligen Frühlings
Und ließ wandeln das Jahr durch Winter und ungleichmäßgen
Herbst und flüchtigen Lenz und Glut vierfältig geschieden.
Jetzo geschah es zuerst, dass schwül von trockener Hitze
Brannte die Luft und das Eis starr hing, von den Winden verdichtet.
Jetzo traten sie ein in Wohnungen. Wohnungen waren
Höhlen und dichtes Gesträuch und mit Bast verbundene Zweige.
Jetzo wurde zuerst in gezogenen Furchen der Ceres
Samen verscharrt, und vom Joche gedrückt aufseufzten die Rinder.
Das eherne Zeitalter
Drauf als drittes erwuchs nach ihnen das eherne Alter,
Wilder im Sinn und derb und den schrecklichen Waffen geneigter,
Aber verbrecherisch nicht.
Das eiserne Zeitalter
Hart ist das letzte von Eisen.
Jählings brachen herein in die Zeit von schlechterer Ader
Alle die Greul; es entflohen die Scham und die Treu' und die Wahrheit,
Und an die Statt einzogen Betrug und tückische Falschheit,
Hinterlist und Gewalt und verruchte Begier des Besitzes.
Segel entfaltete nun der Schiffer den wenig bekannten
Winden, und Kiele, die lang auf hohen Gebirgen gestanden,
Schwammen geschaukelt umher auf nimmer befahrenen Wogen.
Fluren, zuvor wie die Luft und das Licht der Sonne gemeinsam,
Zeichnete jetzt mit begrenzendem Strich vorsichtig der Messer;
Und nicht wurde geheischt bloß Saat und schuldige Nahrung
Von dem ergiebigen Feld: ein ging's in der Erde Geweide.
Schätze, die jene versteckt und stygischen Schatten genähert,
Werden gewühlt ans Licht, Anreizungen böser Gelüste.
Heillos Eisen bereits und Gold heilloser als Eisen
Stiegen herauf: auf steiget der Krieg, der streitet mit beidem
Und mit der blutigen Faust schlägt klirrende Waffen zusammen.
Lebensbedarf gibt Raub. Von dem Wirt ist der Gast, von dem Eidam
Selber der Schwäher bedroht; auch selten sind Brüder in Eintracht.
Tod gar sinnet der Mann dem Weib, wie diese dem Gatten;
Graunvoll brauen den Trank Stiefmütter von bleichendem Sturmhut;
Lang vor der Zeit schon forscht der Sohn nach den Jahren des Vaters.
Achtende Scheu ist dahin, und von blutbefeuchteten Ländern
Kehrte die Jungfrau heim, Astraia, der Himmlischen letzte.
4. Die Giganten
Dass nicht sicherer sei als die Erde die Höhe des Aithers,
Trachteten nun, wie man sagt, nach dem himmlischen Reich die Giganten,
Und zu den Sternen hinan auftürmten sie mächtige Berge.
Da mit geschmettertem Blitz durchbrach der allmächtige Vater
Stracks den Olymp und schlug vom Pelion nieder den Ossa.
Als die entsetzliche Brut nun selbst von der Masse gedrückt lag,
Ward, von dem strömenden Blut der Söhne begossen, die Erde
Feucht - so kündet die Mär - und belebte das warme Geblüte,
Und dass bliebe hinfort ein Denkmal ihres Geschlechtes,
Gab sie ihm Menschengestalt. Indes auch diese Geschöpfe
Sprachen den Himmlischen Hohn, nach grässlichem Morde begierig
Und unbändigen Sinns: man ersah, sie stammten von Blute.
5. Lycaon
Einberufung der Götterversammlung
Wie von der Höhe der Burg das sah der saturnische Vater,
Seufzt er tief, und gedenk unlängst des scheußlichen Mahles
Am lykaonischen Tisch, das neu noch wenig bekannt war,
Fasst er gewaltigen Zorn im Gemüt, wie er Iupiters würdig;
Und er berufet den Rat. Kein Zögern hält die Gerufnen.
Wohnanlage ud Sozialstruktur der Götter nach dem Vorbild Roms
Hoch geht droben ein Weg, bei heiterem Himmel bemerkbar,
Der, Milchstraße genannt, am Lichtglanz eben zu kennen.
Dort ist der Himmlischen Pfad zu des mächtigen Donnerers Wohnung
Und zu dem Königssitz. Mit Besuchern bei offenen Türen
Füllen sich rechts und links die Säle der höheren Götter.
Niedere wohnen zerstreut allerorts. Stolz haben im Vorgrund
Ihre Penaten gesetzt die hehren Gewalten des Himmels.
Das ist der Ort, den wohl, wenn Worten gestattet die Kühnheit,
Ich des Himmels Palast mir möchte getrauen zu nennen.
Iupiters Bericht über Lykaons Frevel und seine Bestrafung
Als in dem Marmorgemach nun saßen die oberen Götter,
Schüttelte, höher an Platz und gestützt auf das helfene Szepter,
Iupiter drei-, viermal des Schrecken erregenden Haupthaars
Locken, davon sich erregt die Erde, das Meer, die Gestirne.
Also entströmte darauf seinen zornigen Lippen die Rede:
"Mehr nicht hab' ich gezagt für die Weltherrschaft im Gemüte
Dazumal, wie die Brut der Schlangenfüßler die hundert
Arme geregt und gehofft, den eroberten Himmel zu greifen.
Denn, wie grimmig der Feind auch war, doch ruhte auf einem
Haufen allein und einem Geschlecht die erhobene Fehde.
Jetzo muss ich, soweit rings Nereus rauscht um den Erdkreis,
Weihn dem Verderb das Menschengeschlecht. Bei den Fluten der Tiefe
Schwör ich, die unter der Erd' hingleiten im stygischen Haine.
Erst sei alles versucht, doch die nimmer zu heilende Wunde
Muss ausschneiden der Stahl, dass nicht das Gesunde verderbe.
Hab' ich doch auch Halbgötter und ländliche Mächte, die Nymphen,
Faune und Satyrvolk und Silvane, die Bergbewohner:
Diese, von uns noch nicht zu der Ehre des Himmels erhoben,
Sollten zum wenigsten frei die beschiedene Erde bewohnen.
Glaubt ihr aber genug, ihr Himmlischen, jene gesichert,
Da mir, der ja den Blitz, der euch stark hält in den Händen,
Lauernde Fallen gestellt der berüchtigte rohe Lykaon?"
Murren erhob sich umher, und mit glühendem Eifer verlangt man
Ihn, der solches gewagt. So, wenn ein verworfener Haufe
Trachtet zu tilgen im Blut des Cäsar den römischen Namen,
Steht von plötzlichem Schreck ob solchem erhabenen Sturze
Starr das Menschengeschlecht, und schaudernd entsetzt sich der
Erdkreis; Und nicht minder ist dir die Treue der Deinen, Augustus,
Lieb, als sie Iupiter war. Wie dieser dem wirren Gerede
Wehrte mit Wort und Hand, saß lautlos da die Versammlung.
Als nun ruhte der Lärm, von des Herrschenden Würde beschwichtigt,
Da bricht wieder der Gott mit folgender Rede die Stille:
"Längst hat jener verbüßt - darum nicht sorget - die Strafe;
Welches jedoch das Vergehn, und welches die Rache, vernehmet.
Uns war böses Gerücht von der Zeit zu Ohren gedrungen:
Wünschend, es sei unwahr, entschweb' ich dem hohen Olympos
Und durchstreife die Erd', ein Gott im menschlichen Bilde.
Säumnis wär' es, wieviel überall ich gefunden von Bosheit,
Aufzuzählen: zurück blieb hinter dem Wahren der Leumund.
Über des Wildes Versteck, den gefürchteten Mainalos, zog ich,
Über Kyllene hinaus und die Fichten des kalten Lykaios.
Ins ungastliche Haus des wilden arkadischen Herrschers
Tret' ich sodann, da der Abend bereits mit der Dämmerung einbrach.
Zeichen erteilt' ich, ein Gott sei nah, und zu beten begonnen
Hatte das Volk. Erst höhnet die frommen Gebete Lykaon,
Bald: "Ob dieser ein Gott, ob ein Sterblicher, will ich erproben"
Sprach er "zu klarem Beweis: unzweiflig entscheid' ich die Wahrheit."
Meuchlerisch mich bei Nacht im bannenden Schlummer zu morden
Trachtet er. Also beliebt ihm, Probe zu halten der Wahrheit.
Nicht zufrieden damit durchschneidet er einem der Geiseln,
Die ihm das Volk der Molosser gesandt, mit dem Schwerte die Kehle,
Und so kocht' er zum Teil in siedendem Wasser die Glieder
Halb lebendig, zum Teil auch briet er sie über dem Feuer.
Wie er sie nun auftischt, da stürz' ich mit rächender Flamme
Nieder das Haus auf den Herrn und die gleich strafbaren Penaten.
Jener entflieht geschreckt, und zur Stille des Feldes entkommen
Heulet er laut und versucht zu sprechen umsonst. Von ihm selber
Sammelt im Mund sich Wut, und mit der gewöhnlichen Mordgier
Bricht in die Herden er ein, auch jetzt am Blute sich letzend.
Rauh in Haare verkehrt sich das Kleid, in Beine die Arme:
Wolf ist er nun und bewahrt noch Spuren der vorigen Bildung.
Noch ist dasselbe Grau, derselbe Trotz in den Zügen,
Ebenso funkelt der Blick, dasselbe Gebilde der Wildheit.
Götterbeschluss, die Menschen auszurotten
So ist gestürzt ein Haus; doch nicht war wert zu verderben
Eines allein: wo Erde sich dehnt, herrscht wilde Erinnys.
Jeder, so dächte man, schwor zum Vergehn. Auf alle denn falle
Ohne Verzug - so steht der Entschluss - die verwirkete Strafe!"
Iupiters Worte lobt ein Teil, und des Grollenden Ingrimm
Stacheln sie an; ein Teil stimmt zu durch Zeichen des Beifalls.
Allen jedoch weckt Schmerz der Verlust des Menschengeschlechtes:
Welch Aussehen hinfort, so fragen sie, werde die Erde
Zeigen, von Sterblichen leer? wer Weihrauch auf die Altäre
Streuen? ob reißendes Wild denn solle verheeren die Länder?
Doch den Besorgten verbietet - er werde des Weiteren walten —,
Bang zu verzagen, das Haupt der Unsterblichen, und er verheißet
Ungleich früherem Volk ein Geschlecht seltsamer Entstehung.
6. Die große Flut
Und schon wollt' er den Blitz auf alle die Länder versenden,
Doch er besorgt, dass Feuer vielleicht der heilige Aither
Fange von so viel Glut und brenne die Achse des Weltalls,
Und er erwäget, es sei verhängt, einst werde die Zeit sein,
Wo mit der Erde das Meer und die Feste des Himmels ergriffen
Stehen in Brand und wanke der Welt mühvolles Gefüge.
Drum bleibt ruhn das Geschoss von der Hand der Kyklopen geschmiedet.
Andere Strafe beliebt: das Menschengeschlecht zu vernichten
Unter der Flut und rings Platzregen zu gießen vom Himmel.
Schleunig verschließet er nun den Nord in des Aiolos Höhlen,
Alle die Winde dazu, die jagen verhüllende Wolken,
Und lässt schnauben den Süd. Der aber mit triefenden Schwingen
Stürmt hinaus, pechschwarz umschattet das schreckliche Antlitz.
Schwer ist von Regen der Bart; Flut strömt vom graulichen Haupthaar;
Nebel benetzen die Stirn; nass tropfen die Brust und die Flügel.
Jetzt, wie er drückt mit der Hand die weithin hangenden Wolken,
Tönt ein Gekrach, und gedrängt nun stürzen von oben die Güsse.
Iunos Botin im Schmuck des schillernden Farbengewandes,
Iris, schöpfet die Flut und bringt Zuwachs dem Gewölke.
Niedergestreckt ist die Saat, und des Landmanns sehnliche Hoffnung
Lieget beweint, und des Jahrs langwierige Müh' ist verloren.
Iupiters Zorne genügt noch nicht sein Himmel: zum Beistand
Schickt mithelfende Flut nun auch sein bläulicher Bruder.
Dieser beruft die Ströme gesamt, und als sie gehorsam
Füllten des Königs Haus: "Nicht will ich mit langer Ermahnung",
Sprach er, "vergeuden die Zeit: lasst strömen, soviel ihr vermöget.
Solches ist nötig. Die Häuser erschließt und die Dämme beseitigt
Und lasst schießen zumal die Zügel den drängenden Wogen."
So der Befehl. Sie gehn und lockern den Quellen die Mündung,
Und nun wälzen sie sich mit entfesseltem Lauf in die Meerflut.
Aber den Dreizack stach er selbst in den Grund, und die Erde
Bebte vom Stoß und erschloss mit dem Ruck Auswege den Wassern.
Außer der Bahn nun stürzen durch offne Gefilde die Flüsse;
Saaten zugleich und Gehölz und Herden und Männer und Häuser
Raffen sie mit und samt den Gebilden die heiligen Kammern.
Wo noch stehet ein Bau, der solches Verderben vermochte
Unverrückt zu bestehn, da geht doch höher die Woge
Über den First, und vom Strudel bedrängt verschwinden die Türme.
Schon war zwischen der See und dem Land kein sichtbarer Abstand;
Alles umher war Meer, und das Meer war ohne Gestade.
Dieser erklimmet die Höh'; im gebogenen Nachen gesessen
Rudert der andere dort, wo er unlängst hatte gepflüget;
Der schifft über die Saat und des untergegangenen Landguts
Firsten, und jener ergreift den Fisch im Wipfel der Ulme.
Zufall fügt, dass der Anker sich senkt auf grünende Wiese
Oder der bauchige Kiel anstreift an Rebengelände.
Wo noch eben sich Gras abrupften schmächtige Ziegen,
Strecken sich jetzt mit gedunsenem Leib unförmige Robben.
Nereus' Töchter erstaunt sehn Haine und Häuser und Städte
Unter der Flut. Delphine durchziehen die Wälder und rennen
Wider das hohe Gezweig und schlagen die schwankenden Stämme.
Schafen gesellt schwimmt ängstlich der Wolf; gelbmähnige Löwen
Trägt und Tiger die Flut; nicht frommet dem Eber des Blitzes
Kraft, und der flüchtige Fuß hilft nichts dem entführeten Hirsche.
Wenn er lange gespäht nach Land, wo zu fußen vergönnt sei,
Fällt mit ermüdetem Flug in die See der schweifende Vogel.
Über die Hügel ergoss sich des Meers unermessliche Willkür,
Und an die obersten Höhn schlug brandend das neue Gewoge.
Wellen entrafften die meisten, und deren geschonet die Wellen,
Diese bezwingt bei dürftiger Kost langwieriger Hunger.
7. Deukalion und Pyrrha
Von der Aonier Volk trennt Phokis aitolische Fluren,
Fruchtbares Land, da es Land noch war, doch ein Teil von dem Meere
Dazumal und ein weites Gefild urplötzlicher Wasser.
Dort, Parnassos genannt, strebt hoch ein Berg zu den Sternen
Mit zweiteiligem Haupt und beherrscht mit dem Gipfel die Wolken.
Wie Deukalion hier - denn das Übrige deckte die Meerflut –
Samt dem vermählten Weib anfuhr im gebrechlichen Nachen,
Beten sie an die Mächte des Bergs und korykische Nymphen
Und, die jetzt das Orakel besaß, die enthüllende Themis.
Nie war besser ein Mann als er und dem Rechten ergebner;
Nie trug irgend ein Weib mehr Scheu als sie vor den Göttern.
Als nun Iupiter sieht in Morasten versumpfen den Erdkreis
Und dass übrig verblieb von all den Tausenden Einer
Und dass übrig verblieb von all den Tausenden Eine,
Beid' unsträflichen Sinns und beide Verehrer der Gottheit,
Teilt er die Wolken und zeigt, da der Regen verscheucht von dem Nordwind,
Wieder dem Himmel die Erd' und wieder den Aither der Erde.
Nicht bleibt zürnend die See. Hinlegend die zackige Waffe
Glättet die Flut der Beherrscher des Meers, und den bläulichen Triton
Rufet er, der an der Schulter bedeckt von haftenden Schnecken
Über der Tiefe sich hebt, und heißt in die tönende Muschel
Blasen den Gott und heim mit gegebenem Zeichen bescheiden
Wogen und Ströme zumal. Der nimmt die hohle Drommete,
Welche gewunden sich dehnt in die Breite vom untersten Wirbel,
Jene Drommete, davon, wenn sie Luft inmitten des Meeres
Aufnimmt, hallet der Strand, wo Phoibos sich senkt, wo er aufsteigt.
Jetzt auch, wie sie den Mund, der betaut vom triefenden Barte,
Jenem berührt' und blies das Zeichen gebotenen Rückzugs,
Scholl sie zu allen gesamt, zu den Wellen des Landes und Meeres,
Und zu denen sie scholl, die alle gehorchten und standen.
Fallend verliert sich die Flut; auf scheinen zu tauchen die Hügel;
Schon hat Küsten das Meer; voll wallen im Bette die Ströme;
Boden ersteht, und es hebt sich das Land, wie die Wellen sich senken,
Und nach langem Verzug nun zeigen die Wälder entblößte
Wipfel und halten im Laub noch Schlamm, der haften geblieben.
Dastand wieder die Welt. Wie er leer sie sah und verlassen
Und das verödete Land in schauriges Schweigen versunken,
Sprach Deukalion so mit quellenden Tränen zu Pyrrha:
"Schwester und Ehegemahl, du einziges Weib auf der Erde,
Die mir verwandtes Geschlecht und vom Ahn die gemeinsame Herkunft,
Dann das Lager vereint, nun selber Gefahren vereinen:
Von den Gefilden zumal, die der Morgen bestrahlt und der Abend,
Sind wir beide das Volk. Das übrige raffte die Meerflut.
Und noch immer ist nicht die Bürgschaft unseres Lebens
Sicher genug; auch jetzt noch ängstigen Wolken die Seele.
Wie, wenn dich das Geschick verschonte ohne den Gatten,
Wäre dir jetzt, du Arme, zu Mut? Wie könntest du einsam
Dann aushalten die Angst? Wer sollte dich trösten im Schmerze?
Ich - das glaube gewiss -, wenn dich auch deckte die Meerflut,
Folgte dir nach, o Weib, und mich auch deckte die Meerflut.
Könnt' ich doch mit der Kunst des Vaters von neuem die Völker
Schaffen und lebenden Geist einflößen gestalteter Erde!
Nun ist übrig in uns, den zweien, die sterbliche Gattung -
So ist der Götterbeschluss -, wir bleiben als Bilder von Menschen."
Sprach's und weinte mit ihr. Sie beschließen, der himmlischen Gottheit
Betend zu nahn und Rat zu erflehn von heiligem Ausspruch.
Sonder Verzug gehn beide zugleich an den Strom des Kephisos,
Der noch nicht sich geklärt, doch einhielt frühere Grenzen.
Als sie die Finger darauf in die Wellen getaucht und mit Tropfen
Kleider besprenget und Haupt, da lenkt zu der heiligen Göttin
Tempel die Schritte das Paar. Noch war an dem Hause der Giebel
Schmutzig von hässlichem Tang, und des Feuers entbehrte der Altar.
Wie an den Stufen sie nun anlangeten, warfen sich beide
Nieder, das kalte Gestein zu küssen mit bebendem Schauer,
Und so hoben sie an: "Wenn Himmlische rührt und erweichet
Andachtsvolles Gebet, wenn göttliches Zürnen zu wenden:
Themis, so sprich: was sollen wir tun, den Verlust zu ersetzen
Unsres Geschlechts? Hilf, Gütigste, auf dem versunkenen Leben."
Themis gerührt erteilte den Spruch: "Weg gehet vom Tempel,
Hüllt euch beide das Haupt und löst die gegürteten Kleider,
Und so werft das Gebein der großen Erzeugerin rückwärts."
Lang hält Staunen sie starr; dann bricht mit der Stimme das Schweigen
Pyrrha zuerst und versagt dem Gebote der Göttin Gehorsam,
Und sie fleht um Erlass mit bebenden Lippen und schaudert,
Durch das zerstreute Gebein zu kränken den Schatten der Mutter.
Beide erwägen indes für sich des gegebenen Ausspruchs
Dunkel verschleierten Sinn und prüfen die Worte genauer.
Drauf mit tröstlichem Wort aufrichtend die Epimethide
Sagte Prometheus' Sohn: "Mich trügt entweder die Einsicht,
Oder der Spruch ist gerecht und rät kein sträflich Beginnen.
Zeugerin nennt er die Erd', und im Leibe der Erde die Steine,
Denk ich, sind das Gebein: die sollen wir hinter uns werfen."
Wenn auch froh die Titane vernimmt des Gatten Enthüllung,
Ist doch ihr Hoffen verzagt. So sind misstrauisch die beiden
Gegen das Göttergebot. Doch was mag schaden die Probe?
Weg nun gehn sie und hüllen das Haupt und entgürten die Kleider;
Hinter sich werfen sie dann auf den Weg die geheißenen Steine.
Und das Gestein - wer glaubt' es, wofern nicht zeugte das Alter? -
Wird von der Spröde befreit und verliert die starrende Härte,
Wird allmählich erweicht und beginnt sich erweicht zu gestalten.
Bald, wie es wachsend sich hob und zu milderem Wesen sich wandte,
Trat schon sichtlich hervor, doch noch undeutlich im Umriss,
Menschengestalt, gleich wie aus eben behauenem Marmor,
Nicht vollendet genug und ganz wie rohe Gebilde.
Was an den Steinen jedoch war feucht durchdrungen von Säften
Und was erdiger Stoff, das ward zum fleischigen Leibe;
Aber was unbeugsam und fest, geht über in Knochen,
Und was Ader zuvor, das bleibt mit dem selbigen Namen.
Kurz nur währte die Frist, da gewann durch göttliche Fügung
Alles Gestein, das der Mann entsendete, männliches Antlitz,
Während vom weiblichen Wurf ein Weib neu trat in das Leben.
Davon sind wir ein hartes Geschlecht, ausharrend in Mühsal,
Und wir geben Beweis, woher wir genommen den Ursprung.
8. Erneuerung der Tierwelt
Drauf von sich selber gebar die Erde die andern Geschöpfe
Mannigfaltiger Art, als warm von dem Feuer der Sonne
Ward das verbliebene Nass und der Schlamm und die wässrigen Sümpfe
Schwollen von Hitze gespannt und befruchtete Keime der Wesen,
Wie in dem Schoße der Mutter genährt vom belebenden Boden,
Wuchsen und mehr und mehr in feste Gestalt sich begaben.
Also, wenn sich verliert aus den nassen Gefilden des Niles
Siebenmündiger Strom und zum früheren Bette zurückkehrt
Und von dem Aithergestirne der frische Morast sich erhitzet,
Trifft zahlreiches Getier in gewendeten Schollen der Landmann
Und sieht manche davon erst eben begonnen, gerade
Während der Zeit der Geburt, und andere in der Entwicklung
Noch nicht fertig gediehn; oft ist an dem selbigen Körper
Lebend bereits ein Teil, der andere klumpige Erde.
Denn wo Feuchte gewinnt und Wärme die richtige Mischung,
Wird empfangen die Frucht, und alles entsteht von den beiden.
Während das Feuer im Streit mit dem Nass, bringt dunstiger Brodem
Alles hervor, und der Zeugung ist hold zwieträchtige Eintracht.
Wie nunmehr, von der neulichen Flut noch schlammig, die Erde
Von dem aitherischen Strahl und den Gluten der Höhe gewärmt war,
Brachte sie Arten hervor, unzählige, und sie erneute
Alte Gebilde zum Teil, teils zeugte sie neue Geschöpfe.
9. Python
Zwar ihr war's zum Leid, doch dich auch, mächtiger Python,
Zeugte sie jetzt, und dem neuen Geschlecht, unförmige Schlange,
Warst du ein Graun: soviel einnähmest du Raum an dem Berge.
Aber der schießende Gott, der nimmer die Waffe des Bogens
Brauchte zuvor, als nur bei Hirschen und flüchtigen Rehen,
Streckt' ihn hin, zahllos mit Geschossen beschwert, da der Köcher
Fast sich erschöpft, und das Gift floss aus durch schwärzliche Wunden.
Und dass nimmer den Ruhm des Werkes vertilge das Alter,
Stiftet' ein heiliges Fest mit gefeierten Kämpfen Apollon,
Nach dem gebändigten Tiere die pythischen Spiele geheißen.
Wer von den Jünglingen dort mit der Faust, mit den Füßen, dem Wagen
Hatte gesiegt, empfing die Ehre des eichenen Laubes.
Lorbeer war noch nicht, und von jeglichem Baume bekränzte
Seine von wallendem Haar anmutigen Schläfen sich Phoibos.
10. Daphne
Phoibos liebte zuerst die peneische Daphne, wofür nicht
Blindes Geschick ihn entflammt, nein, der rächende Zorn des Cupido.
Den jüngst hatte gesehn, wie die Hörner er bog am gespannten
Strange, der delische Gott, noch stolz auf der Schlange Besiegung.
"Was soll die kräftige Wehr bei dir, mutwilliger Knabe?",
Spottet' er, "solches Gerät ist meinen Schultern geziemend,
Der ich sicher das Wild wie den Feind zu treffen verstehe,
Der ich Python erlegt, der gebläht mit dem giftigen Bauche
So viel' Hufen beschwert, unlängst mit unzähligen Pfeilen.
Wenn du entfachst mit der Fackel ich weiß nicht welches Verlangen,
Lass' es Genüge dir sein: nicht eigne dir meinen Ruhm an!"
Venus' Knabe versetzt: "Dein Bogen, o Phoibos, erreiche
Alles, der meinige dich! So weit vor dem Gott die Geschöpfe
Weichen gesamt, so weit steht dein Ruhm unter dem meinen."
Sprach's und säumte nicht und teilte rasch mit bewegten
Schwingen die Luft und stand auf der schattigen Höh' des Parnassos.
Zwei der Geschosse entnimmt er dem pfeilumschließenden Köcher,
Ungleichartig an Kraft. Eins scheucht, eins wecket die Liebe.
Welches sie weckt, ist golden und glänzt mit spitziger Schärfe;
Welches sie scheucht, ist stumpf, und Blei ist unter dem Rohre.
Dieses versendet der Gott zur peneischen Nymphe; das andre
Schnellt er durch das Gebein ins innerste Mark dem Apollo.
Der fühlt Liebe sogleich; sie flieht vor der Liebenden Namen:
Nur an der Wälder Versteck und am Fang des erbeuteten Wildes
Findet sie Lust nach dem Bilde der stets jungfräulichen Phoibe.
Fesselnd schlang sich ein Band um das kunstlos liegende Haupthaar.
Viele wohl warben um sie; doch jene den Werbenden abhold,
Flüchtig und scheu vor dem Mann, durchstreift Einöden der Wälder,
Und sie bekümmert sich nicht um Hymen und Amor und Ehe.
"Tochter", ermahnte sie oft ihr Vater, "ich harre des Eidams."
"Tochter", ermahnte sie oft ihr Vater, "du schuldest mir Enkel."
Sie, der wie ein Vergehn hochzeitliche Fackeln verhasst sind,
Steht im schönen Gesicht von züchtiger Röte begossen,
Und mit schmeichelndem Arm umschlingend den Nacken des Vaters
Bittet sie: "Wehre mir nicht, jungfräulich, geliebtester Vater,
Immer zu sein. Einst hat es Dianen vergönnt der Erzeuger."
Jener gestattet es zwar; doch nicht lässt sein dich der Liebreiz,
Was du begehrst, und deine Gestalt wehrt deinem Verlangen.
Phoibos liebt und ersehnt der geschauten Daphne Umarmung
Und hofft, was er ersehnt. Ihn trügt sein eignes Orakel.
So wie, der Ähren beraubt, verbrennen die nichtigen Stoppeln,
Wie von der Fackel der Zaun aufflammt, die ein Wanderer sorglos
Näherte oder vielleicht in der Frühe des Morgens zurückließ:
So ist entfacht zur Flamme der Gott, und im ganzen Gemüte
Lodert er auf und nährt die vergebliche Liebe mit Hoffnung.
Kunstlos sieht er das Haar ihr hangen im Nacken und denket:
"Wie, wenn es wäre gepflegt?" Die Augen von Feuer erglänzend
Schaut er licht wie Sterne. Er schaut den Mund, und Genüge
Findet er nicht am Schaun. Er preist die Finger und Hände,
Preist den Arm und die Achsel entblößt bis über die Hälfte.
Was sich verbirgt, dünkt schöner ihm noch. Sie flieht wie ein Lufthauch
Eilends davon und steht nicht still, wie er solches ihr nachruft:
"Nymphe, du Kind des Peneios, bleibe! Nicht folg' ich ein Feind dir.
Nymphe, bleibe! So flieht das Lamm vor dem Wolf, vor dem Löwen
Also der Hirsch, vor dem Aar mit zitternder Schwinge die Taube,
Jedes vom Feinde gescheucht. Mich nötigt Liebe zu folgen.
Ach, wenn du nur nicht fällst, und den Fuß zu gut der Verletzung
Nur nicht ritzet ein Dorn, und Schmerz durch mich du erleidest!
Rauh ist der Weg, auf welchem du eilst. Sei mäßig im Laufe –
Höre mich - hemme die Flucht! Selbst will ich dir mäßiger folgen.
Wem du gefällst, erforsche doch erst. Kein Mann vom Gebirge
Bin ich oder ein Hirt; nicht hab' ich auf Rinder noch Schafe
Acht hier, lässig im Aussehn. Du weißt nicht, Törin, du weißt nicht,
Wem du entfliehst; drum fliehest du nur. Die delphische Landschaft,
Tenedos huldigt mir und Klaros und Pataras Hofburg.
Iupiter hat mich gezeugt. Durch mich wird kund, was gewesen,
Was sein wird und was ist. Durch mich stimmt Sang zu den Saiten.
Sicher ist mein Geschoss; doch sicherer trifft als das meine
Eins noch, welches mir schlug im ruhigen Busen die Wunde.
Heilende Kunst ist erfunden von mir, und Helfer auf Erden
Werd' ich genannt, und mir sind dienstbar die Kräfte der Kräuter.
Ach, dass keines vermag von den Kräutern die Liebe zu heilen,
Und dem Besitzer die Kunst nicht nützt, die jeglichem nützet!"
Mehr noch hätt' er gesagt; doch ängstlich entfloh des Peneios
Tochter und ließ ihn selbst und die unvollendete Rede,
Reizend zu sehn auch da. Den Körper enthüllten die Winde,
Und das Gewand ward flatternd bewegt vom begegnenden Hauche,
Und das gehobene Haar trieb rückwärts der drängende Luftzug.
Flucht zeigt schöner den Wuchs. Da mag der unsterbliche Jüngling
Nicht mehr das schmeichelnde Wort aufwenden, und wie ihn Cupido
Selbst antrieb, so folgt er beschleunigten Laufes den Schritten.
Wie wenn im offenen Felde den Hasen der gallische Spürhund
Schaut und dieser mit Hast nach dem Fang strebt, jener nach Rettung;
Immer erscheint einholend der Hund; jetzt, jetzt ihn zu packen
Hofft er und streift ganz nah mit der schnappenden Schnauze die Läufe;
Jener vermeint bestürzt, schon sei er gefangen, und reißt sich
Los von dem beißenden Zahn und verlässt den berührenden Rachen:
So ist eilig in Furcht das Mädchen, der Gott in Erwartung.
Doch der Verfolgende rennt, von den Fittichen Amors gefördert,
Schneller und gönnt nicht Rast, und dicht an der Fliegenden Rücken
Ist er gebeugt und behaucht im Nacken das fliegende Haupthaar.
Nun, da versagt die Kraft, erblasst sie, und von der Mühsal
Flüchtigen Laufes erschöpft, die peneischen Wellen gewahrend,
Fleht sie: "Vater, ach hilf, wenn Macht euch Strömen gegeben!
Lass die Erd' mich verschlingen, auf der zu sehr ich gefallen,
Oder verwandle diese Gestalt, die Grund meiner Kränkung."
Wie sie kaum es erfleht, fasst starrende Lähmung die Glieder,
Und mit geschmeidigem Bast umzieht sich der schwellende Busen.
Grünend erwachsen zu Laub die Haare, zu Ästen die Arme;
Fest hangt, jüngst noch flink, ihr Fuß an trägem Gewurzel.
Wipfel verdeckt das Gesicht; nichts bleibt als die glänzende Schönheit.
So auch liebt sie der Gott. An den Stamm die Rechte gehalten
Fühlt er, wie noch bebt in der bergenden Rinde der Busen,
Und mit den Armen die Äste, als wären es Glieder, umfangend,
Gibt er Küsse dem Holz. Den Küssen entzieht sich das Holz auch.
"Weil du", sprach er sodann, "nicht mein kannst werden als Gattin,
Werde denn mein als Baum. Dich soll nun ständig die Leier,
Dich soll tragen das Haar, dich ständig der Köcher, o Lorbeer!
Latiums Führern gesellt sei du, wenn fröhliche Stimmen
Jubeln Triumph und zum Capitol lang wallet der Festzug.
Treulicher Wächter zugleich den augustischen Pfosten in Zukunft
Sollst du stehn vor dem Tor und inmitten die Eiche behüten.
Und wie jugendlich trägt mein Haupt frei wachsende Locken,
Habe du fort und fort die beständige Zierde des Laubes."
Paian hatt' es gesagt. Der Lorbeer nickte mit jungen
Zweigen dazu und schien wie ein Haupt zu bewegen den Wipfel.
11. Io
In Haimonien liegt, von bewaldeten Bergen umschlossen,
Tempe genannt, ein Hain, durch welchen vom unteren Pindus
Strömend zu Tal sich wälzt in schaumigen Wellen Peneios
Und im gewichtigen Fall mit flüchtigen Dämpfen getränkte
Wolken erregt und die Wipfel umher mit spritzendem Regen
Netzt und mit dem Gebraus nicht bloß die Nähe betäubet.
Hier ist das Haus und der Sitz, hier sind die Gemächer des großen
Stromgotts. Hausend allhier in der felsumwölbeten Grotte
Gab er den Wellen Gesetz und den Wellen bewohnenden Nymphen.
Dorthin kamen zuerst zusammen die heimischen Flüsse,
Zweifelnd im Sinn, ob sie Trost, ob Glückwunsch brächten dem Vater,
Pappelumlaubt Spercheios und rastlos immer Enipeus,
Greis Apidanos auch und der sanfte Amphrysos und Aias;
Andere Ströme sodann, die, wo das Gelüste sie hintreibt,
Führen hinab zum Meer vom Irren ermüdete Wellen.
Inachos nur ist fern. In der untersten Grotte verborgen
Mehrt er mit Zähren die Flut; denn Io betrauert der Ärmste
Als ein verlorenes Kind. Er weiß nicht, ob sie am Leben,
Ob bei den Manen sie sei; doch sie, die er nirgends gefunden,
Scheint ihm nirgends zu sein, und er fürchtet im Herzen das Schlimmste.
Iupiter hatt' unlängst, wie sie kehrte vom Strome des Vaters,
Jene geschaut und gesagt: "O Jungfrau Iupiters würdig,
Die einst liebend beglückt, ich weiß nicht wen, in den Schatten
Komm zum stämmigen Hain", und er wies nach dem Schatten des Haines,
"Da Glut sendet in der Mitte des Kreises die Sonne.
Hegest du Scheu, allein zu betreten die Schlüfte des Wildes,
Sicher geleitet ein Gott dich hinein in die Tiefe des Waldes,
Und kein niedriger Gott, nein, welcher das himmlische Szepter
Hält in gewaltiger Hand und zuckende Blitze versendet.
Fliehe mich nicht!" Denn sie floh. Hinweg schon über die Weiden
Lernas war sie geeilt und Lyrkeias waldige Fluren:
Da umhüllte der Gott mit bergendem Dunkel die Lande
Weit und breit und hemmte die Flucht und nahm ihr die Ehre.
Grad' auf die Felder hinab sah Iuno indes von der Höhe
Und war höchst erstaunt, dass Nacht am heiteren Tage
Flüchtige Nebel gebracht. Wohl merkte sie, dass sich die Dünste
Weder entwanden dem Fluss, noch stiegen vom wässrigen Boden,
Und nach dem Ehegemahl sucht rings ihr spähendes Auge,
Da ihr die Schliche bekannt des öfter betroffenen Gatten.
Wie sie ihn nicht im Himmel entdeckt: "Ich irre mich", sprach sie,
"Oder ich werde gekränkt." Und der Höhe des Aithers entglitten
Hatte sie Stand auf der Erd' und hieß sich entfernen die Nebel.
Doch er hatte geahnt der Gattin Besuch und gewandelt
Inachos' Tochter zuvor in Gestalt der weiß glänzenden Färse.
Auch als Kuh ist sie schön. Die saturnische Göttin, zwar ungern,
Preist das stattliche Rind, und sie fragt, unkundig erscheinend,
Wessen es sei und woher, und wohin zur Herde gehörig.
Dass sie die Erde gezeugt, lügt Iupiter, weiteren Fragen,
Wie sie entstand, zu entgehn. Zum Geschenke begehret sie Iuno.
Was nun tun? Hart war' es, hinweg die Geliebte zu geben;
Weigerung regte Verdacht. Hier ist es die Scham, die ihm zurät;
Dort rät Liebe ihm ab. Scham wäre gewichen der Liebe;
Doch wenn das leichte Geschenk der Genossin des Stamms und des Lagers
Würde versagt, die Kuh, nicht Kuh dann möchte sie scheinen.
Als er die Buhle geschenkt, war frei doch nicht von Besorgnis
Iuno sogleich, denn sie scheute den Gott und bangte vor Diebstahl,
Bis sie den Argos bestellt zum Hüter, den Sohn des Arestor.
12. Argus
Hundert Augen zugleich trug Argos am Haupt in der Runde:
Immer ergaben sich zwei in wechselnder Folge dem Schlummer,
Während die anderen all' achtsam auf dem Posten verblieben.
Wie er den Stand auch immer gewählt, er schaute nach Io;
Io stand vor dem Blick, auch wenn er gewendet das Antlitz.
Weiden darf sie am Tag; ist unter der Erde die Sonne,
Schließt er sie ein und legt um den Hals unwürdige Bande.
Nahrung ist ihr das Laub von den Bäumen und bittere Kräuter.
Statt auf schwellendem Pfühl muss ruhn auf dem Boden die Arme,
Der nicht immer begrast, und sie trinkt aus schlammigen Flüssen.
Wenn sie mit Flehen empor zu Argos die Arme zu heben
Trachtete, war sie der Arme beraubt, die sie hübe zu Argos.
Wollte sie klagen ihr Leid, so stieg ein Gebrüll aus dem Munde:
Bebend vernahm sie den Ton und erschrak vor der eigenen Stimme.
Auch an den Strand, wo oft sie vormals pflegte zu spielen,
Kam sie, an Inachos' Strand, und wie sie im Wasser die neuen
Hörner erblickt, da bebt sie und flieht vor sich selbst mit Entsetzen.
Keine Naiade erkennt, auch Inachos selber erkennt nicht,
Wer sie sei; doch sie folgt dem Erzeuger und folget den Schwestern;
Streicheln lässt sie sich gern und tritt den Bewundernden näher.
Inachos reicht ihr gerupftes Gras, der bejahrte Stromgott:
Jene leckt ihm die Hand, gibt Küsse den Fingern des Vaters
Und gönnt Tränen den Lauf, und wenn nur folgten die Worte,
Würd' um Hilfe sie flehn und Namen verkünden und Schicksal.
Aber gezeichnet im Staub mit dem Fuß gab traurige Kunde
Von dem gewandelten Leib die Schrift an der Stelle der Worte.
"Weh mir!" ruft im Schmerz Greis Inachos aus, und die Hörner
Hält er umfasst und den schneeigen Hals der stöhnenden Färse:
"Weh mir!" klagt sein Ruf, "du bist's, o Tochter, die ringsum
Ich in den Landen gesucht? Du warst mein Jammer verschollen
Minder, denn also entdeckt. Du schweigst, und erwidernde Worte
Redest du nicht und drängst nur Seufzer vom Grunde des Herzens
Und, was allein dir vergönnt, du brüllst zu unseren Klagen.
Arglos richtet' ich zu für dich Brautkammer und Fackeln;
Erst nach dem Eidam stand mein Hoffen und dann nach den Enkeln,
Nun harrt dein von der Herde ein Mann, ein Sohn von der Herde,
Und nicht ist mir erlaubt, durch Tod mein Leiden zu ändern:
Mir zum Verderb ja bin ich ein Gott, und unsere Trauer
Dehnt in ewige Zeit die verschlossene Pforte des Todes."
Aber den jammernden Greis drängt fort der vieläugige Argos,
Reißt vom Vater das Kind und treibt sie zu anderen Weiden.
Selber begibt er sich fern auf die Höhe des ragenden Berges,
Wo er sich setzt und weit nach jeglicher Seite sich umschaut.
Doch der Unsterblichen Haupt kann länger der Phoronide
Qual nicht sehn, und den Sohn, den die lichte Pleiade geboren,
Ruft er her und gebietet durch Mord zu vertilgen den Argos.
Rasch nimmt jener den Hut auf das Haupt, an die Füße die Flügel
Und in die mächtige Hand die Schlummer verleihende Rute.
Wie er sich fertig gemacht, schwebt Iupiters Sohn von des Vaters
Burg auf die Erde hinab. Dort wieder entfernt er die Flügel
Und legt nieder den Hut und behält in den Händen den Stab nur.
Damit treibt er als Hirt quer durch die Gefilde die Ziegen,
Die er im Gehn mitbracht', und bläst auf gefügeten Halmen.
Zauberisch klang das neue Getön dem iunonischen Wächter:
"He, wer immer du seist", rief Argos, "du könntest dich setzen
Zu mir hier auf den Stein; denn üppiger wächst für die Herde
Nirgends das Gras, und du siehst für Hirten erquicklichen Schatten."
Atlas' Spross nahm Platz und wusste mit vielem Gerede
Plaudernd zu dehnen den Tag und strebte, die wachsamen Augen
Einzuwiegen gemach mit dem Spiel auf verbundenen Rohren.
Jener bekämpft jedoch des Schlummers gelinde Bestrickung,
Und obschon sich dem Schlaf ein Teil von den Augen ergeben,
Hält er die anderen wach. Auch fragt er - denn neulich erfunden
War das flötende Spiel -, was Anlass gab zur Erfindung.
13. Syrinx
Drauf sprach also der Gott: "In Arkadiens kalten Gebirgen
War die schönste im Kreis der nonakrischen Hamadryaden
Eine Najade unlängst: die Nymphen nannten sie Syrinx.
Mehrmals war sie bereits entschlüpft den nachstellenden Satyrn
Und den Göttern zumal, die der schattige Wald und das Saatfeld
Hegt. Sie weihte sich ganz der ortygischen Göttin mit Neigung
Und jungfräulichem Sinn. Nach Sitte Dianens gegürtet
Konnte sie täuschen und selbst wohl gelten als Tochter Latonas,
Wär' ihr nicht ein Bogen von Hörn und ein goldener jener.
Doch so täuschte sie auch. Wie sie einst heimging vom Lykaios,
Schaute sie Pan, und das Haupt umwunden mit nadliger Fichte
Hub zu reden er an." Noch war zu erzählen die Rede,
Und wie die Nymphe geflohn, nicht achtend der dringenden Bitten,
Durch pfadloses Gefild, bis dass zu des sandigen Ladon
Ruhigem Strom sie gelangt und, als ihr die Wellen versperrten
Weiteren Lauf, um Wandlung gefleht zu den flüssigen Schwestern;
Wie dann Pan, da schon er gedachte zu haschen die Syrinx,
Statt der Nymphe Gestalt Schilfrohr in den Armen gehalten,
Und, als seufzend er stand, die wehende Luft in dem Schilfe
Leises Geflüster erregt, das ähnlich ertönte wie Klage,
Wie er entzückt vom Zauber des Tons und der neuen Erfindung
Hatte gesagt: "Das soll fortan uns beide vereinen!"
Und an den Halmen sodann, die er ungleich untereinander
Hatte verbunden mit Wachs, den Namen des Mädchens erhalten.
Solches zu sagen bereit sah schon der kyllenische Jüngling
Alle die Wimpern gesenkt und verdeckt vom Schlummer die Augen.
Gleich nun hält er die Stimme zurück und verstärkt die Betäubung,
Mit dem bezaubernden Stab die schläfrigen Lider bestreichend.
Rasch dann führt er den Streich auf den Nickenden mit dem gekrümmten
Schwert, wo das Haupt sich schließt an den Hals, und stürzt ihn vom Felsen
Blutig hinab und befleckt das schroffe Gestein mit dem Blute.
Argos, du liegst, und das Licht, das so viel Leuchten erfüllte,
Ist dir verlöscht, und es hüllt ein Dunkel das Hundert von Augen.
Iuno nimmt sie heraus und setzt in des heiligen Vogels
Federn sie ein und füllt den Schweif mit gestirnten Juwelen.
Zornig entbrannte sie jetzt und verschob nicht länger die Rache.
Graunvoll rückt sie dem Blick und dem Geist der argolischen Buhle
Vor der Erinys Gestalt und senkt verborgene Stacheln
Ihr in die Brust und jagt sie im Schreck rings über den Erdkreis.
Du warst übrig zuletzt, Nilstrom, der unendlichen Drangsal.
Als sie diesen erreicht, da sank sie am Rande des Ufers
Nieder, die Knie gebeugt, und mit rückwärts strebendem Nacken,
Was allein ihr vergönnt, das Gesicht zu den Sternen erhebend
Schien sie mit Klagegestöhn und Tränen und schmerzlichem Brüllen,
Iupiter zeihend der Schuld, zu erflehen ein Ende der Leiden.
Da bat jener, den Arm um den Hals der Gemahlin geschlungen,
Endlich zu setzen ein Ziel der strafenden Pein: "Für die Zukunft",
Sprach er, "banne die Furcht! Nie soll Ursache des Schmerzes
Io dir sein." Und er heißt es vernehmen die stygischen Sümpfe.
Als nun Iuno erweicht, nimmt jene das frühere Antlitz
Wieder und wird wie zuvor. Von dem Körper entweichen die Haare;
Schrumpfend vergeht das Gehörn; eng ziehn sich die Kreise der Augen,
Schmäler das Maul; nun kehren zurück die Schultern und Hände;
In fünf Zehen geteilt allmählich verliert sich die Klaue;
Und nichts bleibt an ihr von der Kuh als die blendende Weiße.
Aufrecht schreitet begnügt mit nur zwei Füßen die Nymphe;
Worte getraut sie sich kaum, dass nicht nach Sitte des Rindes
Brülle der Mund, und versucht sich verzagt abbrechend im Reden.
14. Phaeton
Leinwand tragende Schar ehrt jetzt die gefeierte Göttin.
Ihr wird endlich geglaubt, dass Epaphos sei von des großen
Iupiter Samen gezeugt, und rings in den Städten besitzt er
Tempel der Mutter gesellt. An Stolz war ihm wie an Jahren
Phaethon gleich, Sols Sohn. Als der einst prahlte mit Hochmut
Und vor ihm nicht wich und sich rühmte des Phoibos als Zeugers,
Trug's nicht Inachos' Sproß: "Du glaubst auch", sprach er, "der Mutter
Alles, du Tor! Dich bläht das Bild des erlogenen Vaters."
Phaethon glüht' im Gesicht, und die Scham nur hemmte den Jähzorn,
Und vor Klymene bracht' er des Epaphos Schmähung und sagte:
"Dass du, Mutter, es recht auch fühlst, ich habe geschwiegen,
Ich so trotzig und keck. O Schmach, dass jener den Vorwurf
Mir zu sagen vermocht, und ich ihn nicht zu entkräften!
Aber wenn anders ich bin aus himmlischem Samen entsprossen,
Gib mir Beweis von dem hohen Geschlecht, mir den Himmel zu sichern."
Phaethon sprach's und umfing der Zeugerin Hals, und bei Merops
Und bei dem eigenen Haupt und den Hochzeitsfackeln der Schwestern
Bat er sie, kund zu tun durch ein Zeichen den wirklichen Vater.
Klymene, mochte sie nun mehr folgen den Bitten des Sohnes
Oder dem Zorn, den gab die Beschuldigung, streckte die
Beide zum Himmel empor, und schauend zum Glanze des Phoibos
Sagte sie: "Dort bei dem Licht in der Pracht hellblitzender Strahlen
Schwör' ich dir, Sohn, bei dem Licht, das uns anhöret und anblickt:
Er, den droben du siehst, ja, Sol, der Erquicker des Weltalls,
Hat dich gezeugt. Ist Lüge mein Wort, dann geb' er sich nimmer
Mir zu schaun, dann scheine der Tag mir heute zum letzten.
Leicht ist die Mühe für dich, die Penaten des Vaters zu finden:
Nah angrenzt das Haus, wo er aufsteigt, unserem Lande.
Bist du gewillt, geh hin, und er wird dich selber belehren."
Phaethon springt sogleich, als solches die Mutter geredet,
Auf in freudiger Hast, und im Geist umfasst er den Aither.
Sein Aithiopenvolk durcheilt er rasch und die Inder
Unter dem heißen Gestirn und erreicht Sols östliche Wohnung.
aus "Metamorphoseon libri" (Bücher der Verwandlungen)
Ovid(ca.1-8Jhd n.Chr.)
Götteranruf
Lust wird rege zum Sang, wie sich Formen in andere Körper
Wandelten. Götter, o seid - ihr habt ja auch sie gewandelt -
Meinem Beginnen geneigt, und vom Uranfange der Schöpfung
Führt bis auf unsere Zeit des Gedichts fortlaufenden Faden.
2. Die Weltentstehung
Die Ursuppe (Systole)
Ehe denn Meer und Land und der alles bedeckende Himmel,
War in dem ganzen Bereich der Natur ein einziges Aussehn,
Das man Chaos genannt, ein verworrenes rohes Gemenge,
Anderes nicht als träges Gewicht und zwistige Keime,
Trübe zu einem gehäuft zu lose verbundenen Stoffen.
Noch goss kein Titan in das Weltall leuchtende Strahlen,
Noch nicht füllete aus durch Zuwachs Phoibe die Hörner.
Eignes Gewicht auch hielt noch nicht frei schwebend die Erde
In der umfließenden Luft, noch breitete Amphitrite
Nicht weithin an dem Rand daliegender Länder die Arme:
Da, wo Aither, alldort war Erdreich, Luft und Gewässer.
So war nicht zum Stehen das Land, zum Schwimmen die Woge,
Lichtes entbehrte die Luft, die Gestalt blieb keinem beständig.
Eins war feindlich im Wege dem anderen, weil in der Masse
Kaltes im Streit stets lag mit Warmem, mit Trockenem Feuchtes,
Weiches mit Hartem und mit dem Gewichtigen das, was gewichtlos.
Elementare Ausdifferenzierung (Diastole)
Aber dem Zwist gab Schlichtung ein Gott und die bessere Triebkraft,
Denn er schied von dem Himmel das Land und vom Lande die Wogen,
Und von der dunstigen Luft los trennt' er den lauteren Himmel.
Als er so sie entwirrt und dem finsteren Haufen entnommen,
Schloss er gesondert im Raum sie zusammen in friedlicher Eintracht.
Ohne Gewicht stieg auf lichtvoll des gewölbeten Himmels
Feurige Kraft und ersah sich die Statt in der obersten Höhe.
Ihr ist die Luft am nächsten im Raum und im Mangel an Schwere.
Dichter als sie zog an die gröberen Teile die Erde,
Niedergedrückt durch eignes Gewicht. Das umströmende Wasser
Wählte den äußersten Sitz und umschloss den gefestigten Erdkreis.
Gestaltung von Erde und Himmel zu elementaren Lebensräumen
Wie er so das Gemisch, wer jener der Götter gewesen,
Ordnend hatte zerteilt und in Schichten gefügt das zerteilte,
Rundete er im Beginn, auf dass nach jeglicher Seite
Gleich sie wäre, zur Form großmächtigen Kugel die Erde.
Dann goss Fluten er aus und hieß sie von tobenden Winden
Schwellen und rings umfangen umgürteter Erde Gestade;
Quellen gesellt' er dazu und Seen und unendliche Sümpfe
Und wies Flüssen die Bahn in den Grenzen gewundener Ufer,
Die in verschiedenem Lauf teils werden geschlürft von dem Grunde,
Teils hinkommen zum Meer und, empfangen vom offenen Felde
Freierer Flut anstatt der Ufer bespülen die Küsten.
Ebenen ließ er sich auch ausdehnen und Täler sich senken,
Wälder sich decken mit Laub, aufsteigen die steinigen Berge.
Und wie den himmlischen Raum zwei Gürtel durchschneiden zur Rechten,
Links gleichviel und heißer als sie in der Mitte der fünfte,
So in die nämliche Zahl schied auch die geschlossene Masse
Sorglich der Gott, und es trägt gleich viele der Striche die Erde.
Der in der Mitte sich zieht, ist nicht vor Hitze bewohnbar;
Zwei deckt mächtiger Schnee; zwei legte er zwischen die beiden,
Denen er Mäßigung gab, mit der Glut die Kälte vermengend.
Drüber schwebet die Luft, die lastender ist als das Feuer
So viel, wie an Gewicht nachsteht der Erde das Wasser.
Dort hieß Nebel er auch, dort dunstige Wolken sich lagern
Samt dem Donnergeroll, das menschliche Herzen erschrecke,
Und mit den Blitzen zugleich die Frost herführenden Winde.
Ihrem Gelüste jedoch gab nicht zum Schweifen den Luftraum
Frei der Erbauer der Welt. Kaum wird jetzt ihnen gewehret,
Da in verschiedenem Strich sein Wehn doch jeglicher richtet,
Dass sie zerreißen die Welt: so liegen in Hader die Brüder.
Fern zu Aurora entwich, gen Persien und Nabatäa
Und zu den Höhen der Ost, die stehen im Lichte des Morgens;
Abendlich Land und die Küsten gewärmt von der sinkenden Sonne
Liegen dem Weste zunächst; die Skythen befällt und die sieben
Stiere der schaurige Nord; durch unablässige Wolken
Nässt gegenüber das Land der regengeschwängerte Südwind.
Drobhin lagert' er dann den klar durchsichtigen Aither,
Der von Schwere befreit nichts hat von der irdischen Hefe.
Kaum nun hatt' er verzäunt das alles in sichere Grenzen,
Als die Gestirne, die lang sich gepresst in jenem Gemenge
Bargen, am Himmel umher glanzreich begannen zu flimmern.
Besiedlung der elementaren Lebensräume
Jetzo, damit kein Raum ermangele seiner Bewohner,
Haben den himmlischen Sitz mit den Sternen die Göttergestalten;
Wohnstatt ward in den Wellen verliehn den glänzenden Fischen;
Tiere bekam das Land und Vögel der regsame Luftraum.
Die Sonderstellung des Menschen
Aber es fehlete noch ein Geschöpf, das höher an Würde
Mit tiefdenkendem Geiste den anderen könnte gebieten.
Sieh, da wurde der Mensch, ob ihn aus göttlichem Samen
Machte der Bildner der Welt, der Urquell besserer Schöpfung,
Oder die Erd' im Beginn, die sich vom erhabenen Aither
Eben gelöst, noch Keime behielt gleichartigen Himmels
Und des Iapetos Sohn sie gemengt mit fließenden Wellen
Bildete gleich der Gestalt der alles beherrschenden Götter.
Während die Erde gebückt ansehen die andern Geschöpfe,
Gab er erhabnes Gesicht dem Menschen und ließ ihn den Himmel
Schauen und richten empor zu den Sternen gewendet das Antlitz.
Also kleidete sich die völlig veränderte Erde,
Formlos eben und wüst, mit den neuen Gebilden der Menschen.
3. Die vier Weltzeitalter
Das goldene Zeitalter
Erst nun sprosste von Gold das Geschlecht, das ohne Bewachung
Willig und ohne Gesetz ausübte das Recht und die Treue.
Strafe und Furcht waren fern; nicht lasen sie drohende Worte
Nicht an geheftetem Erz, noch stand ein flehender Haufe
Bang vor des Richters Gesicht: Schutz hatten sie ohne den Richter.
Noch nicht hatte, gefällt auf heimischen Bergen, die Fichte,
Andere Welt zu sehn, sich gesenkt in die flüssigen Wogen;
Noch von keinem Gestad', als dem ihrigen, wussten die Menschen.
Noch umgürteten nicht abschüssige Gräben die Städte;
Kein krummgehendes Horn und keine gerade Drommete
War, kein Helm, kein Schwert. In behaglicher Muße vergingen,
Ohne des Kriegers Bedarf die Tage den sicheren Völkern
Undienstbar und verschont von dem Karst und von schneidender Pflugschar
Nimmer verletzt gab alles von selbst die gesegnete Erde,
Und mit Speisen zufrieden, die zwanglos waren gewachsen,
Lasen sie Arbutusfrucht, Erdbeeren an sonniger Halde
Oder am rauhen Gerank Brombeeren und rote Cornellen
Und von dem ästigen Baume des Iupiter fallende Eicheln.
Da war ewiger Lenz, und gelind mit lauem Gesäusel
Küsste die Blumen der West, die sprosseten ohne Besamung.
Nicht vom Pfluge bestellt trug bald auch Halme die Erde;
Ohne zu ruhn ward grau von belasteten Ähren der Acker.
Ströme von Milch nun wallten daher und Ströme von Nektar,
Und gelb tropfte herab von der grünenden Eiche der Honig.
Das silberne Zeitalter
Als nunmehr, da gestürzt in des Tartaros Dunkel Saturnus,
Iupiter lenkte die Welt, da folgte das silberne Alter,
Schlechter als Gold, im Werte voraus dem rötlichen Erze.
Iupiter schmälerte nun die Zeit vormaligen Frühlings
Und ließ wandeln das Jahr durch Winter und ungleichmäßgen
Herbst und flüchtigen Lenz und Glut vierfältig geschieden.
Jetzo geschah es zuerst, dass schwül von trockener Hitze
Brannte die Luft und das Eis starr hing, von den Winden verdichtet.
Jetzo traten sie ein in Wohnungen. Wohnungen waren
Höhlen und dichtes Gesträuch und mit Bast verbundene Zweige.
Jetzo wurde zuerst in gezogenen Furchen der Ceres
Samen verscharrt, und vom Joche gedrückt aufseufzten die Rinder.
Das eherne Zeitalter
Drauf als drittes erwuchs nach ihnen das eherne Alter,
Wilder im Sinn und derb und den schrecklichen Waffen geneigter,
Aber verbrecherisch nicht.
Das eiserne Zeitalter
Hart ist das letzte von Eisen.
Jählings brachen herein in die Zeit von schlechterer Ader
Alle die Greul; es entflohen die Scham und die Treu' und die Wahrheit,
Und an die Statt einzogen Betrug und tückische Falschheit,
Hinterlist und Gewalt und verruchte Begier des Besitzes.
Segel entfaltete nun der Schiffer den wenig bekannten
Winden, und Kiele, die lang auf hohen Gebirgen gestanden,
Schwammen geschaukelt umher auf nimmer befahrenen Wogen.
Fluren, zuvor wie die Luft und das Licht der Sonne gemeinsam,
Zeichnete jetzt mit begrenzendem Strich vorsichtig der Messer;
Und nicht wurde geheischt bloß Saat und schuldige Nahrung
Von dem ergiebigen Feld: ein ging's in der Erde Geweide.
Schätze, die jene versteckt und stygischen Schatten genähert,
Werden gewühlt ans Licht, Anreizungen böser Gelüste.
Heillos Eisen bereits und Gold heilloser als Eisen
Stiegen herauf: auf steiget der Krieg, der streitet mit beidem
Und mit der blutigen Faust schlägt klirrende Waffen zusammen.
Lebensbedarf gibt Raub. Von dem Wirt ist der Gast, von dem Eidam
Selber der Schwäher bedroht; auch selten sind Brüder in Eintracht.
Tod gar sinnet der Mann dem Weib, wie diese dem Gatten;
Graunvoll brauen den Trank Stiefmütter von bleichendem Sturmhut;
Lang vor der Zeit schon forscht der Sohn nach den Jahren des Vaters.
Achtende Scheu ist dahin, und von blutbefeuchteten Ländern
Kehrte die Jungfrau heim, Astraia, der Himmlischen letzte.
4. Die Giganten
Dass nicht sicherer sei als die Erde die Höhe des Aithers,
Trachteten nun, wie man sagt, nach dem himmlischen Reich die Giganten,
Und zu den Sternen hinan auftürmten sie mächtige Berge.
Da mit geschmettertem Blitz durchbrach der allmächtige Vater
Stracks den Olymp und schlug vom Pelion nieder den Ossa.
Als die entsetzliche Brut nun selbst von der Masse gedrückt lag,
Ward, von dem strömenden Blut der Söhne begossen, die Erde
Feucht - so kündet die Mär - und belebte das warme Geblüte,
Und dass bliebe hinfort ein Denkmal ihres Geschlechtes,
Gab sie ihm Menschengestalt. Indes auch diese Geschöpfe
Sprachen den Himmlischen Hohn, nach grässlichem Morde begierig
Und unbändigen Sinns: man ersah, sie stammten von Blute.
5. Lycaon
Einberufung der Götterversammlung
Wie von der Höhe der Burg das sah der saturnische Vater,
Seufzt er tief, und gedenk unlängst des scheußlichen Mahles
Am lykaonischen Tisch, das neu noch wenig bekannt war,
Fasst er gewaltigen Zorn im Gemüt, wie er Iupiters würdig;
Und er berufet den Rat. Kein Zögern hält die Gerufnen.
Wohnanlage ud Sozialstruktur der Götter nach dem Vorbild Roms
Hoch geht droben ein Weg, bei heiterem Himmel bemerkbar,
Der, Milchstraße genannt, am Lichtglanz eben zu kennen.
Dort ist der Himmlischen Pfad zu des mächtigen Donnerers Wohnung
Und zu dem Königssitz. Mit Besuchern bei offenen Türen
Füllen sich rechts und links die Säle der höheren Götter.
Niedere wohnen zerstreut allerorts. Stolz haben im Vorgrund
Ihre Penaten gesetzt die hehren Gewalten des Himmels.
Das ist der Ort, den wohl, wenn Worten gestattet die Kühnheit,
Ich des Himmels Palast mir möchte getrauen zu nennen.
Iupiters Bericht über Lykaons Frevel und seine Bestrafung
Als in dem Marmorgemach nun saßen die oberen Götter,
Schüttelte, höher an Platz und gestützt auf das helfene Szepter,
Iupiter drei-, viermal des Schrecken erregenden Haupthaars
Locken, davon sich erregt die Erde, das Meer, die Gestirne.
Also entströmte darauf seinen zornigen Lippen die Rede:
"Mehr nicht hab' ich gezagt für die Weltherrschaft im Gemüte
Dazumal, wie die Brut der Schlangenfüßler die hundert
Arme geregt und gehofft, den eroberten Himmel zu greifen.
Denn, wie grimmig der Feind auch war, doch ruhte auf einem
Haufen allein und einem Geschlecht die erhobene Fehde.
Jetzo muss ich, soweit rings Nereus rauscht um den Erdkreis,
Weihn dem Verderb das Menschengeschlecht. Bei den Fluten der Tiefe
Schwör ich, die unter der Erd' hingleiten im stygischen Haine.
Erst sei alles versucht, doch die nimmer zu heilende Wunde
Muss ausschneiden der Stahl, dass nicht das Gesunde verderbe.
Hab' ich doch auch Halbgötter und ländliche Mächte, die Nymphen,
Faune und Satyrvolk und Silvane, die Bergbewohner:
Diese, von uns noch nicht zu der Ehre des Himmels erhoben,
Sollten zum wenigsten frei die beschiedene Erde bewohnen.
Glaubt ihr aber genug, ihr Himmlischen, jene gesichert,
Da mir, der ja den Blitz, der euch stark hält in den Händen,
Lauernde Fallen gestellt der berüchtigte rohe Lykaon?"
Murren erhob sich umher, und mit glühendem Eifer verlangt man
Ihn, der solches gewagt. So, wenn ein verworfener Haufe
Trachtet zu tilgen im Blut des Cäsar den römischen Namen,
Steht von plötzlichem Schreck ob solchem erhabenen Sturze
Starr das Menschengeschlecht, und schaudernd entsetzt sich der
Erdkreis; Und nicht minder ist dir die Treue der Deinen, Augustus,
Lieb, als sie Iupiter war. Wie dieser dem wirren Gerede
Wehrte mit Wort und Hand, saß lautlos da die Versammlung.
Als nun ruhte der Lärm, von des Herrschenden Würde beschwichtigt,
Da bricht wieder der Gott mit folgender Rede die Stille:
"Längst hat jener verbüßt - darum nicht sorget - die Strafe;
Welches jedoch das Vergehn, und welches die Rache, vernehmet.
Uns war böses Gerücht von der Zeit zu Ohren gedrungen:
Wünschend, es sei unwahr, entschweb' ich dem hohen Olympos
Und durchstreife die Erd', ein Gott im menschlichen Bilde.
Säumnis wär' es, wieviel überall ich gefunden von Bosheit,
Aufzuzählen: zurück blieb hinter dem Wahren der Leumund.
Über des Wildes Versteck, den gefürchteten Mainalos, zog ich,
Über Kyllene hinaus und die Fichten des kalten Lykaios.
Ins ungastliche Haus des wilden arkadischen Herrschers
Tret' ich sodann, da der Abend bereits mit der Dämmerung einbrach.
Zeichen erteilt' ich, ein Gott sei nah, und zu beten begonnen
Hatte das Volk. Erst höhnet die frommen Gebete Lykaon,
Bald: "Ob dieser ein Gott, ob ein Sterblicher, will ich erproben"
Sprach er "zu klarem Beweis: unzweiflig entscheid' ich die Wahrheit."
Meuchlerisch mich bei Nacht im bannenden Schlummer zu morden
Trachtet er. Also beliebt ihm, Probe zu halten der Wahrheit.
Nicht zufrieden damit durchschneidet er einem der Geiseln,
Die ihm das Volk der Molosser gesandt, mit dem Schwerte die Kehle,
Und so kocht' er zum Teil in siedendem Wasser die Glieder
Halb lebendig, zum Teil auch briet er sie über dem Feuer.
Wie er sie nun auftischt, da stürz' ich mit rächender Flamme
Nieder das Haus auf den Herrn und die gleich strafbaren Penaten.
Jener entflieht geschreckt, und zur Stille des Feldes entkommen
Heulet er laut und versucht zu sprechen umsonst. Von ihm selber
Sammelt im Mund sich Wut, und mit der gewöhnlichen Mordgier
Bricht in die Herden er ein, auch jetzt am Blute sich letzend.
Rauh in Haare verkehrt sich das Kleid, in Beine die Arme:
Wolf ist er nun und bewahrt noch Spuren der vorigen Bildung.
Noch ist dasselbe Grau, derselbe Trotz in den Zügen,
Ebenso funkelt der Blick, dasselbe Gebilde der Wildheit.
Götterbeschluss, die Menschen auszurotten
So ist gestürzt ein Haus; doch nicht war wert zu verderben
Eines allein: wo Erde sich dehnt, herrscht wilde Erinnys.
Jeder, so dächte man, schwor zum Vergehn. Auf alle denn falle
Ohne Verzug - so steht der Entschluss - die verwirkete Strafe!"
Iupiters Worte lobt ein Teil, und des Grollenden Ingrimm
Stacheln sie an; ein Teil stimmt zu durch Zeichen des Beifalls.
Allen jedoch weckt Schmerz der Verlust des Menschengeschlechtes:
Welch Aussehen hinfort, so fragen sie, werde die Erde
Zeigen, von Sterblichen leer? wer Weihrauch auf die Altäre
Streuen? ob reißendes Wild denn solle verheeren die Länder?
Doch den Besorgten verbietet - er werde des Weiteren walten —,
Bang zu verzagen, das Haupt der Unsterblichen, und er verheißet
Ungleich früherem Volk ein Geschlecht seltsamer Entstehung.
6. Die große Flut
Und schon wollt' er den Blitz auf alle die Länder versenden,
Doch er besorgt, dass Feuer vielleicht der heilige Aither
Fange von so viel Glut und brenne die Achse des Weltalls,
Und er erwäget, es sei verhängt, einst werde die Zeit sein,
Wo mit der Erde das Meer und die Feste des Himmels ergriffen
Stehen in Brand und wanke der Welt mühvolles Gefüge.
Drum bleibt ruhn das Geschoss von der Hand der Kyklopen geschmiedet.
Andere Strafe beliebt: das Menschengeschlecht zu vernichten
Unter der Flut und rings Platzregen zu gießen vom Himmel.
Schleunig verschließet er nun den Nord in des Aiolos Höhlen,
Alle die Winde dazu, die jagen verhüllende Wolken,
Und lässt schnauben den Süd. Der aber mit triefenden Schwingen
Stürmt hinaus, pechschwarz umschattet das schreckliche Antlitz.
Schwer ist von Regen der Bart; Flut strömt vom graulichen Haupthaar;
Nebel benetzen die Stirn; nass tropfen die Brust und die Flügel.
Jetzt, wie er drückt mit der Hand die weithin hangenden Wolken,
Tönt ein Gekrach, und gedrängt nun stürzen von oben die Güsse.
Iunos Botin im Schmuck des schillernden Farbengewandes,
Iris, schöpfet die Flut und bringt Zuwachs dem Gewölke.
Niedergestreckt ist die Saat, und des Landmanns sehnliche Hoffnung
Lieget beweint, und des Jahrs langwierige Müh' ist verloren.
Iupiters Zorne genügt noch nicht sein Himmel: zum Beistand
Schickt mithelfende Flut nun auch sein bläulicher Bruder.
Dieser beruft die Ströme gesamt, und als sie gehorsam
Füllten des Königs Haus: "Nicht will ich mit langer Ermahnung",
Sprach er, "vergeuden die Zeit: lasst strömen, soviel ihr vermöget.
Solches ist nötig. Die Häuser erschließt und die Dämme beseitigt
Und lasst schießen zumal die Zügel den drängenden Wogen."
So der Befehl. Sie gehn und lockern den Quellen die Mündung,
Und nun wälzen sie sich mit entfesseltem Lauf in die Meerflut.
Aber den Dreizack stach er selbst in den Grund, und die Erde
Bebte vom Stoß und erschloss mit dem Ruck Auswege den Wassern.
Außer der Bahn nun stürzen durch offne Gefilde die Flüsse;
Saaten zugleich und Gehölz und Herden und Männer und Häuser
Raffen sie mit und samt den Gebilden die heiligen Kammern.
Wo noch stehet ein Bau, der solches Verderben vermochte
Unverrückt zu bestehn, da geht doch höher die Woge
Über den First, und vom Strudel bedrängt verschwinden die Türme.
Schon war zwischen der See und dem Land kein sichtbarer Abstand;
Alles umher war Meer, und das Meer war ohne Gestade.
Dieser erklimmet die Höh'; im gebogenen Nachen gesessen
Rudert der andere dort, wo er unlängst hatte gepflüget;
Der schifft über die Saat und des untergegangenen Landguts
Firsten, und jener ergreift den Fisch im Wipfel der Ulme.
Zufall fügt, dass der Anker sich senkt auf grünende Wiese
Oder der bauchige Kiel anstreift an Rebengelände.
Wo noch eben sich Gras abrupften schmächtige Ziegen,
Strecken sich jetzt mit gedunsenem Leib unförmige Robben.
Nereus' Töchter erstaunt sehn Haine und Häuser und Städte
Unter der Flut. Delphine durchziehen die Wälder und rennen
Wider das hohe Gezweig und schlagen die schwankenden Stämme.
Schafen gesellt schwimmt ängstlich der Wolf; gelbmähnige Löwen
Trägt und Tiger die Flut; nicht frommet dem Eber des Blitzes
Kraft, und der flüchtige Fuß hilft nichts dem entführeten Hirsche.
Wenn er lange gespäht nach Land, wo zu fußen vergönnt sei,
Fällt mit ermüdetem Flug in die See der schweifende Vogel.
Über die Hügel ergoss sich des Meers unermessliche Willkür,
Und an die obersten Höhn schlug brandend das neue Gewoge.
Wellen entrafften die meisten, und deren geschonet die Wellen,
Diese bezwingt bei dürftiger Kost langwieriger Hunger.
7. Deukalion und Pyrrha
Von der Aonier Volk trennt Phokis aitolische Fluren,
Fruchtbares Land, da es Land noch war, doch ein Teil von dem Meere
Dazumal und ein weites Gefild urplötzlicher Wasser.
Dort, Parnassos genannt, strebt hoch ein Berg zu den Sternen
Mit zweiteiligem Haupt und beherrscht mit dem Gipfel die Wolken.
Wie Deukalion hier - denn das Übrige deckte die Meerflut –
Samt dem vermählten Weib anfuhr im gebrechlichen Nachen,
Beten sie an die Mächte des Bergs und korykische Nymphen
Und, die jetzt das Orakel besaß, die enthüllende Themis.
Nie war besser ein Mann als er und dem Rechten ergebner;
Nie trug irgend ein Weib mehr Scheu als sie vor den Göttern.
Als nun Iupiter sieht in Morasten versumpfen den Erdkreis
Und dass übrig verblieb von all den Tausenden Einer
Und dass übrig verblieb von all den Tausenden Eine,
Beid' unsträflichen Sinns und beide Verehrer der Gottheit,
Teilt er die Wolken und zeigt, da der Regen verscheucht von dem Nordwind,
Wieder dem Himmel die Erd' und wieder den Aither der Erde.
Nicht bleibt zürnend die See. Hinlegend die zackige Waffe
Glättet die Flut der Beherrscher des Meers, und den bläulichen Triton
Rufet er, der an der Schulter bedeckt von haftenden Schnecken
Über der Tiefe sich hebt, und heißt in die tönende Muschel
Blasen den Gott und heim mit gegebenem Zeichen bescheiden
Wogen und Ströme zumal. Der nimmt die hohle Drommete,
Welche gewunden sich dehnt in die Breite vom untersten Wirbel,
Jene Drommete, davon, wenn sie Luft inmitten des Meeres
Aufnimmt, hallet der Strand, wo Phoibos sich senkt, wo er aufsteigt.
Jetzt auch, wie sie den Mund, der betaut vom triefenden Barte,
Jenem berührt' und blies das Zeichen gebotenen Rückzugs,
Scholl sie zu allen gesamt, zu den Wellen des Landes und Meeres,
Und zu denen sie scholl, die alle gehorchten und standen.
Fallend verliert sich die Flut; auf scheinen zu tauchen die Hügel;
Schon hat Küsten das Meer; voll wallen im Bette die Ströme;
Boden ersteht, und es hebt sich das Land, wie die Wellen sich senken,
Und nach langem Verzug nun zeigen die Wälder entblößte
Wipfel und halten im Laub noch Schlamm, der haften geblieben.
Dastand wieder die Welt. Wie er leer sie sah und verlassen
Und das verödete Land in schauriges Schweigen versunken,
Sprach Deukalion so mit quellenden Tränen zu Pyrrha:
"Schwester und Ehegemahl, du einziges Weib auf der Erde,
Die mir verwandtes Geschlecht und vom Ahn die gemeinsame Herkunft,
Dann das Lager vereint, nun selber Gefahren vereinen:
Von den Gefilden zumal, die der Morgen bestrahlt und der Abend,
Sind wir beide das Volk. Das übrige raffte die Meerflut.
Und noch immer ist nicht die Bürgschaft unseres Lebens
Sicher genug; auch jetzt noch ängstigen Wolken die Seele.
Wie, wenn dich das Geschick verschonte ohne den Gatten,
Wäre dir jetzt, du Arme, zu Mut? Wie könntest du einsam
Dann aushalten die Angst? Wer sollte dich trösten im Schmerze?
Ich - das glaube gewiss -, wenn dich auch deckte die Meerflut,
Folgte dir nach, o Weib, und mich auch deckte die Meerflut.
Könnt' ich doch mit der Kunst des Vaters von neuem die Völker
Schaffen und lebenden Geist einflößen gestalteter Erde!
Nun ist übrig in uns, den zweien, die sterbliche Gattung -
So ist der Götterbeschluss -, wir bleiben als Bilder von Menschen."
Sprach's und weinte mit ihr. Sie beschließen, der himmlischen Gottheit
Betend zu nahn und Rat zu erflehn von heiligem Ausspruch.
Sonder Verzug gehn beide zugleich an den Strom des Kephisos,
Der noch nicht sich geklärt, doch einhielt frühere Grenzen.
Als sie die Finger darauf in die Wellen getaucht und mit Tropfen
Kleider besprenget und Haupt, da lenkt zu der heiligen Göttin
Tempel die Schritte das Paar. Noch war an dem Hause der Giebel
Schmutzig von hässlichem Tang, und des Feuers entbehrte der Altar.
Wie an den Stufen sie nun anlangeten, warfen sich beide
Nieder, das kalte Gestein zu küssen mit bebendem Schauer,
Und so hoben sie an: "Wenn Himmlische rührt und erweichet
Andachtsvolles Gebet, wenn göttliches Zürnen zu wenden:
Themis, so sprich: was sollen wir tun, den Verlust zu ersetzen
Unsres Geschlechts? Hilf, Gütigste, auf dem versunkenen Leben."
Themis gerührt erteilte den Spruch: "Weg gehet vom Tempel,
Hüllt euch beide das Haupt und löst die gegürteten Kleider,
Und so werft das Gebein der großen Erzeugerin rückwärts."
Lang hält Staunen sie starr; dann bricht mit der Stimme das Schweigen
Pyrrha zuerst und versagt dem Gebote der Göttin Gehorsam,
Und sie fleht um Erlass mit bebenden Lippen und schaudert,
Durch das zerstreute Gebein zu kränken den Schatten der Mutter.
Beide erwägen indes für sich des gegebenen Ausspruchs
Dunkel verschleierten Sinn und prüfen die Worte genauer.
Drauf mit tröstlichem Wort aufrichtend die Epimethide
Sagte Prometheus' Sohn: "Mich trügt entweder die Einsicht,
Oder der Spruch ist gerecht und rät kein sträflich Beginnen.
Zeugerin nennt er die Erd', und im Leibe der Erde die Steine,
Denk ich, sind das Gebein: die sollen wir hinter uns werfen."
Wenn auch froh die Titane vernimmt des Gatten Enthüllung,
Ist doch ihr Hoffen verzagt. So sind misstrauisch die beiden
Gegen das Göttergebot. Doch was mag schaden die Probe?
Weg nun gehn sie und hüllen das Haupt und entgürten die Kleider;
Hinter sich werfen sie dann auf den Weg die geheißenen Steine.
Und das Gestein - wer glaubt' es, wofern nicht zeugte das Alter? -
Wird von der Spröde befreit und verliert die starrende Härte,
Wird allmählich erweicht und beginnt sich erweicht zu gestalten.
Bald, wie es wachsend sich hob und zu milderem Wesen sich wandte,
Trat schon sichtlich hervor, doch noch undeutlich im Umriss,
Menschengestalt, gleich wie aus eben behauenem Marmor,
Nicht vollendet genug und ganz wie rohe Gebilde.
Was an den Steinen jedoch war feucht durchdrungen von Säften
Und was erdiger Stoff, das ward zum fleischigen Leibe;
Aber was unbeugsam und fest, geht über in Knochen,
Und was Ader zuvor, das bleibt mit dem selbigen Namen.
Kurz nur währte die Frist, da gewann durch göttliche Fügung
Alles Gestein, das der Mann entsendete, männliches Antlitz,
Während vom weiblichen Wurf ein Weib neu trat in das Leben.
Davon sind wir ein hartes Geschlecht, ausharrend in Mühsal,
Und wir geben Beweis, woher wir genommen den Ursprung.
8. Erneuerung der Tierwelt
Drauf von sich selber gebar die Erde die andern Geschöpfe
Mannigfaltiger Art, als warm von dem Feuer der Sonne
Ward das verbliebene Nass und der Schlamm und die wässrigen Sümpfe
Schwollen von Hitze gespannt und befruchtete Keime der Wesen,
Wie in dem Schoße der Mutter genährt vom belebenden Boden,
Wuchsen und mehr und mehr in feste Gestalt sich begaben.
Also, wenn sich verliert aus den nassen Gefilden des Niles
Siebenmündiger Strom und zum früheren Bette zurückkehrt
Und von dem Aithergestirne der frische Morast sich erhitzet,
Trifft zahlreiches Getier in gewendeten Schollen der Landmann
Und sieht manche davon erst eben begonnen, gerade
Während der Zeit der Geburt, und andere in der Entwicklung
Noch nicht fertig gediehn; oft ist an dem selbigen Körper
Lebend bereits ein Teil, der andere klumpige Erde.
Denn wo Feuchte gewinnt und Wärme die richtige Mischung,
Wird empfangen die Frucht, und alles entsteht von den beiden.
Während das Feuer im Streit mit dem Nass, bringt dunstiger Brodem
Alles hervor, und der Zeugung ist hold zwieträchtige Eintracht.
Wie nunmehr, von der neulichen Flut noch schlammig, die Erde
Von dem aitherischen Strahl und den Gluten der Höhe gewärmt war,
Brachte sie Arten hervor, unzählige, und sie erneute
Alte Gebilde zum Teil, teils zeugte sie neue Geschöpfe.
9. Python
Zwar ihr war's zum Leid, doch dich auch, mächtiger Python,
Zeugte sie jetzt, und dem neuen Geschlecht, unförmige Schlange,
Warst du ein Graun: soviel einnähmest du Raum an dem Berge.
Aber der schießende Gott, der nimmer die Waffe des Bogens
Brauchte zuvor, als nur bei Hirschen und flüchtigen Rehen,
Streckt' ihn hin, zahllos mit Geschossen beschwert, da der Köcher
Fast sich erschöpft, und das Gift floss aus durch schwärzliche Wunden.
Und dass nimmer den Ruhm des Werkes vertilge das Alter,
Stiftet' ein heiliges Fest mit gefeierten Kämpfen Apollon,
Nach dem gebändigten Tiere die pythischen Spiele geheißen.
Wer von den Jünglingen dort mit der Faust, mit den Füßen, dem Wagen
Hatte gesiegt, empfing die Ehre des eichenen Laubes.
Lorbeer war noch nicht, und von jeglichem Baume bekränzte
Seine von wallendem Haar anmutigen Schläfen sich Phoibos.
10. Daphne
Phoibos liebte zuerst die peneische Daphne, wofür nicht
Blindes Geschick ihn entflammt, nein, der rächende Zorn des Cupido.
Den jüngst hatte gesehn, wie die Hörner er bog am gespannten
Strange, der delische Gott, noch stolz auf der Schlange Besiegung.
"Was soll die kräftige Wehr bei dir, mutwilliger Knabe?",
Spottet' er, "solches Gerät ist meinen Schultern geziemend,
Der ich sicher das Wild wie den Feind zu treffen verstehe,
Der ich Python erlegt, der gebläht mit dem giftigen Bauche
So viel' Hufen beschwert, unlängst mit unzähligen Pfeilen.
Wenn du entfachst mit der Fackel ich weiß nicht welches Verlangen,
Lass' es Genüge dir sein: nicht eigne dir meinen Ruhm an!"
Venus' Knabe versetzt: "Dein Bogen, o Phoibos, erreiche
Alles, der meinige dich! So weit vor dem Gott die Geschöpfe
Weichen gesamt, so weit steht dein Ruhm unter dem meinen."
Sprach's und säumte nicht und teilte rasch mit bewegten
Schwingen die Luft und stand auf der schattigen Höh' des Parnassos.
Zwei der Geschosse entnimmt er dem pfeilumschließenden Köcher,
Ungleichartig an Kraft. Eins scheucht, eins wecket die Liebe.
Welches sie weckt, ist golden und glänzt mit spitziger Schärfe;
Welches sie scheucht, ist stumpf, und Blei ist unter dem Rohre.
Dieses versendet der Gott zur peneischen Nymphe; das andre
Schnellt er durch das Gebein ins innerste Mark dem Apollo.
Der fühlt Liebe sogleich; sie flieht vor der Liebenden Namen:
Nur an der Wälder Versteck und am Fang des erbeuteten Wildes
Findet sie Lust nach dem Bilde der stets jungfräulichen Phoibe.
Fesselnd schlang sich ein Band um das kunstlos liegende Haupthaar.
Viele wohl warben um sie; doch jene den Werbenden abhold,
Flüchtig und scheu vor dem Mann, durchstreift Einöden der Wälder,
Und sie bekümmert sich nicht um Hymen und Amor und Ehe.
"Tochter", ermahnte sie oft ihr Vater, "ich harre des Eidams."
"Tochter", ermahnte sie oft ihr Vater, "du schuldest mir Enkel."
Sie, der wie ein Vergehn hochzeitliche Fackeln verhasst sind,
Steht im schönen Gesicht von züchtiger Röte begossen,
Und mit schmeichelndem Arm umschlingend den Nacken des Vaters
Bittet sie: "Wehre mir nicht, jungfräulich, geliebtester Vater,
Immer zu sein. Einst hat es Dianen vergönnt der Erzeuger."
Jener gestattet es zwar; doch nicht lässt sein dich der Liebreiz,
Was du begehrst, und deine Gestalt wehrt deinem Verlangen.
Phoibos liebt und ersehnt der geschauten Daphne Umarmung
Und hofft, was er ersehnt. Ihn trügt sein eignes Orakel.
So wie, der Ähren beraubt, verbrennen die nichtigen Stoppeln,
Wie von der Fackel der Zaun aufflammt, die ein Wanderer sorglos
Näherte oder vielleicht in der Frühe des Morgens zurückließ:
So ist entfacht zur Flamme der Gott, und im ganzen Gemüte
Lodert er auf und nährt die vergebliche Liebe mit Hoffnung.
Kunstlos sieht er das Haar ihr hangen im Nacken und denket:
"Wie, wenn es wäre gepflegt?" Die Augen von Feuer erglänzend
Schaut er licht wie Sterne. Er schaut den Mund, und Genüge
Findet er nicht am Schaun. Er preist die Finger und Hände,
Preist den Arm und die Achsel entblößt bis über die Hälfte.
Was sich verbirgt, dünkt schöner ihm noch. Sie flieht wie ein Lufthauch
Eilends davon und steht nicht still, wie er solches ihr nachruft:
"Nymphe, du Kind des Peneios, bleibe! Nicht folg' ich ein Feind dir.
Nymphe, bleibe! So flieht das Lamm vor dem Wolf, vor dem Löwen
Also der Hirsch, vor dem Aar mit zitternder Schwinge die Taube,
Jedes vom Feinde gescheucht. Mich nötigt Liebe zu folgen.
Ach, wenn du nur nicht fällst, und den Fuß zu gut der Verletzung
Nur nicht ritzet ein Dorn, und Schmerz durch mich du erleidest!
Rauh ist der Weg, auf welchem du eilst. Sei mäßig im Laufe –
Höre mich - hemme die Flucht! Selbst will ich dir mäßiger folgen.
Wem du gefällst, erforsche doch erst. Kein Mann vom Gebirge
Bin ich oder ein Hirt; nicht hab' ich auf Rinder noch Schafe
Acht hier, lässig im Aussehn. Du weißt nicht, Törin, du weißt nicht,
Wem du entfliehst; drum fliehest du nur. Die delphische Landschaft,
Tenedos huldigt mir und Klaros und Pataras Hofburg.
Iupiter hat mich gezeugt. Durch mich wird kund, was gewesen,
Was sein wird und was ist. Durch mich stimmt Sang zu den Saiten.
Sicher ist mein Geschoss; doch sicherer trifft als das meine
Eins noch, welches mir schlug im ruhigen Busen die Wunde.
Heilende Kunst ist erfunden von mir, und Helfer auf Erden
Werd' ich genannt, und mir sind dienstbar die Kräfte der Kräuter.
Ach, dass keines vermag von den Kräutern die Liebe zu heilen,
Und dem Besitzer die Kunst nicht nützt, die jeglichem nützet!"
Mehr noch hätt' er gesagt; doch ängstlich entfloh des Peneios
Tochter und ließ ihn selbst und die unvollendete Rede,
Reizend zu sehn auch da. Den Körper enthüllten die Winde,
Und das Gewand ward flatternd bewegt vom begegnenden Hauche,
Und das gehobene Haar trieb rückwärts der drängende Luftzug.
Flucht zeigt schöner den Wuchs. Da mag der unsterbliche Jüngling
Nicht mehr das schmeichelnde Wort aufwenden, und wie ihn Cupido
Selbst antrieb, so folgt er beschleunigten Laufes den Schritten.
Wie wenn im offenen Felde den Hasen der gallische Spürhund
Schaut und dieser mit Hast nach dem Fang strebt, jener nach Rettung;
Immer erscheint einholend der Hund; jetzt, jetzt ihn zu packen
Hofft er und streift ganz nah mit der schnappenden Schnauze die Läufe;
Jener vermeint bestürzt, schon sei er gefangen, und reißt sich
Los von dem beißenden Zahn und verlässt den berührenden Rachen:
So ist eilig in Furcht das Mädchen, der Gott in Erwartung.
Doch der Verfolgende rennt, von den Fittichen Amors gefördert,
Schneller und gönnt nicht Rast, und dicht an der Fliegenden Rücken
Ist er gebeugt und behaucht im Nacken das fliegende Haupthaar.
Nun, da versagt die Kraft, erblasst sie, und von der Mühsal
Flüchtigen Laufes erschöpft, die peneischen Wellen gewahrend,
Fleht sie: "Vater, ach hilf, wenn Macht euch Strömen gegeben!
Lass die Erd' mich verschlingen, auf der zu sehr ich gefallen,
Oder verwandle diese Gestalt, die Grund meiner Kränkung."
Wie sie kaum es erfleht, fasst starrende Lähmung die Glieder,
Und mit geschmeidigem Bast umzieht sich der schwellende Busen.
Grünend erwachsen zu Laub die Haare, zu Ästen die Arme;
Fest hangt, jüngst noch flink, ihr Fuß an trägem Gewurzel.
Wipfel verdeckt das Gesicht; nichts bleibt als die glänzende Schönheit.
So auch liebt sie der Gott. An den Stamm die Rechte gehalten
Fühlt er, wie noch bebt in der bergenden Rinde der Busen,
Und mit den Armen die Äste, als wären es Glieder, umfangend,
Gibt er Küsse dem Holz. Den Küssen entzieht sich das Holz auch.
"Weil du", sprach er sodann, "nicht mein kannst werden als Gattin,
Werde denn mein als Baum. Dich soll nun ständig die Leier,
Dich soll tragen das Haar, dich ständig der Köcher, o Lorbeer!
Latiums Führern gesellt sei du, wenn fröhliche Stimmen
Jubeln Triumph und zum Capitol lang wallet der Festzug.
Treulicher Wächter zugleich den augustischen Pfosten in Zukunft
Sollst du stehn vor dem Tor und inmitten die Eiche behüten.
Und wie jugendlich trägt mein Haupt frei wachsende Locken,
Habe du fort und fort die beständige Zierde des Laubes."
Paian hatt' es gesagt. Der Lorbeer nickte mit jungen
Zweigen dazu und schien wie ein Haupt zu bewegen den Wipfel.
11. Io
In Haimonien liegt, von bewaldeten Bergen umschlossen,
Tempe genannt, ein Hain, durch welchen vom unteren Pindus
Strömend zu Tal sich wälzt in schaumigen Wellen Peneios
Und im gewichtigen Fall mit flüchtigen Dämpfen getränkte
Wolken erregt und die Wipfel umher mit spritzendem Regen
Netzt und mit dem Gebraus nicht bloß die Nähe betäubet.
Hier ist das Haus und der Sitz, hier sind die Gemächer des großen
Stromgotts. Hausend allhier in der felsumwölbeten Grotte
Gab er den Wellen Gesetz und den Wellen bewohnenden Nymphen.
Dorthin kamen zuerst zusammen die heimischen Flüsse,
Zweifelnd im Sinn, ob sie Trost, ob Glückwunsch brächten dem Vater,
Pappelumlaubt Spercheios und rastlos immer Enipeus,
Greis Apidanos auch und der sanfte Amphrysos und Aias;
Andere Ströme sodann, die, wo das Gelüste sie hintreibt,
Führen hinab zum Meer vom Irren ermüdete Wellen.
Inachos nur ist fern. In der untersten Grotte verborgen
Mehrt er mit Zähren die Flut; denn Io betrauert der Ärmste
Als ein verlorenes Kind. Er weiß nicht, ob sie am Leben,
Ob bei den Manen sie sei; doch sie, die er nirgends gefunden,
Scheint ihm nirgends zu sein, und er fürchtet im Herzen das Schlimmste.
Iupiter hatt' unlängst, wie sie kehrte vom Strome des Vaters,
Jene geschaut und gesagt: "O Jungfrau Iupiters würdig,
Die einst liebend beglückt, ich weiß nicht wen, in den Schatten
Komm zum stämmigen Hain", und er wies nach dem Schatten des Haines,
"Da Glut sendet in der Mitte des Kreises die Sonne.
Hegest du Scheu, allein zu betreten die Schlüfte des Wildes,
Sicher geleitet ein Gott dich hinein in die Tiefe des Waldes,
Und kein niedriger Gott, nein, welcher das himmlische Szepter
Hält in gewaltiger Hand und zuckende Blitze versendet.
Fliehe mich nicht!" Denn sie floh. Hinweg schon über die Weiden
Lernas war sie geeilt und Lyrkeias waldige Fluren:
Da umhüllte der Gott mit bergendem Dunkel die Lande
Weit und breit und hemmte die Flucht und nahm ihr die Ehre.
Grad' auf die Felder hinab sah Iuno indes von der Höhe
Und war höchst erstaunt, dass Nacht am heiteren Tage
Flüchtige Nebel gebracht. Wohl merkte sie, dass sich die Dünste
Weder entwanden dem Fluss, noch stiegen vom wässrigen Boden,
Und nach dem Ehegemahl sucht rings ihr spähendes Auge,
Da ihr die Schliche bekannt des öfter betroffenen Gatten.
Wie sie ihn nicht im Himmel entdeckt: "Ich irre mich", sprach sie,
"Oder ich werde gekränkt." Und der Höhe des Aithers entglitten
Hatte sie Stand auf der Erd' und hieß sich entfernen die Nebel.
Doch er hatte geahnt der Gattin Besuch und gewandelt
Inachos' Tochter zuvor in Gestalt der weiß glänzenden Färse.
Auch als Kuh ist sie schön. Die saturnische Göttin, zwar ungern,
Preist das stattliche Rind, und sie fragt, unkundig erscheinend,
Wessen es sei und woher, und wohin zur Herde gehörig.
Dass sie die Erde gezeugt, lügt Iupiter, weiteren Fragen,
Wie sie entstand, zu entgehn. Zum Geschenke begehret sie Iuno.
Was nun tun? Hart war' es, hinweg die Geliebte zu geben;
Weigerung regte Verdacht. Hier ist es die Scham, die ihm zurät;
Dort rät Liebe ihm ab. Scham wäre gewichen der Liebe;
Doch wenn das leichte Geschenk der Genossin des Stamms und des Lagers
Würde versagt, die Kuh, nicht Kuh dann möchte sie scheinen.
Als er die Buhle geschenkt, war frei doch nicht von Besorgnis
Iuno sogleich, denn sie scheute den Gott und bangte vor Diebstahl,
Bis sie den Argos bestellt zum Hüter, den Sohn des Arestor.
12. Argus
Hundert Augen zugleich trug Argos am Haupt in der Runde:
Immer ergaben sich zwei in wechselnder Folge dem Schlummer,
Während die anderen all' achtsam auf dem Posten verblieben.
Wie er den Stand auch immer gewählt, er schaute nach Io;
Io stand vor dem Blick, auch wenn er gewendet das Antlitz.
Weiden darf sie am Tag; ist unter der Erde die Sonne,
Schließt er sie ein und legt um den Hals unwürdige Bande.
Nahrung ist ihr das Laub von den Bäumen und bittere Kräuter.
Statt auf schwellendem Pfühl muss ruhn auf dem Boden die Arme,
Der nicht immer begrast, und sie trinkt aus schlammigen Flüssen.
Wenn sie mit Flehen empor zu Argos die Arme zu heben
Trachtete, war sie der Arme beraubt, die sie hübe zu Argos.
Wollte sie klagen ihr Leid, so stieg ein Gebrüll aus dem Munde:
Bebend vernahm sie den Ton und erschrak vor der eigenen Stimme.
Auch an den Strand, wo oft sie vormals pflegte zu spielen,
Kam sie, an Inachos' Strand, und wie sie im Wasser die neuen
Hörner erblickt, da bebt sie und flieht vor sich selbst mit Entsetzen.
Keine Naiade erkennt, auch Inachos selber erkennt nicht,
Wer sie sei; doch sie folgt dem Erzeuger und folget den Schwestern;
Streicheln lässt sie sich gern und tritt den Bewundernden näher.
Inachos reicht ihr gerupftes Gras, der bejahrte Stromgott:
Jene leckt ihm die Hand, gibt Küsse den Fingern des Vaters
Und gönnt Tränen den Lauf, und wenn nur folgten die Worte,
Würd' um Hilfe sie flehn und Namen verkünden und Schicksal.
Aber gezeichnet im Staub mit dem Fuß gab traurige Kunde
Von dem gewandelten Leib die Schrift an der Stelle der Worte.
"Weh mir!" ruft im Schmerz Greis Inachos aus, und die Hörner
Hält er umfasst und den schneeigen Hals der stöhnenden Färse:
"Weh mir!" klagt sein Ruf, "du bist's, o Tochter, die ringsum
Ich in den Landen gesucht? Du warst mein Jammer verschollen
Minder, denn also entdeckt. Du schweigst, und erwidernde Worte
Redest du nicht und drängst nur Seufzer vom Grunde des Herzens
Und, was allein dir vergönnt, du brüllst zu unseren Klagen.
Arglos richtet' ich zu für dich Brautkammer und Fackeln;
Erst nach dem Eidam stand mein Hoffen und dann nach den Enkeln,
Nun harrt dein von der Herde ein Mann, ein Sohn von der Herde,
Und nicht ist mir erlaubt, durch Tod mein Leiden zu ändern:
Mir zum Verderb ja bin ich ein Gott, und unsere Trauer
Dehnt in ewige Zeit die verschlossene Pforte des Todes."
Aber den jammernden Greis drängt fort der vieläugige Argos,
Reißt vom Vater das Kind und treibt sie zu anderen Weiden.
Selber begibt er sich fern auf die Höhe des ragenden Berges,
Wo er sich setzt und weit nach jeglicher Seite sich umschaut.
Doch der Unsterblichen Haupt kann länger der Phoronide
Qual nicht sehn, und den Sohn, den die lichte Pleiade geboren,
Ruft er her und gebietet durch Mord zu vertilgen den Argos.
Rasch nimmt jener den Hut auf das Haupt, an die Füße die Flügel
Und in die mächtige Hand die Schlummer verleihende Rute.
Wie er sich fertig gemacht, schwebt Iupiters Sohn von des Vaters
Burg auf die Erde hinab. Dort wieder entfernt er die Flügel
Und legt nieder den Hut und behält in den Händen den Stab nur.
Damit treibt er als Hirt quer durch die Gefilde die Ziegen,
Die er im Gehn mitbracht', und bläst auf gefügeten Halmen.
Zauberisch klang das neue Getön dem iunonischen Wächter:
"He, wer immer du seist", rief Argos, "du könntest dich setzen
Zu mir hier auf den Stein; denn üppiger wächst für die Herde
Nirgends das Gras, und du siehst für Hirten erquicklichen Schatten."
Atlas' Spross nahm Platz und wusste mit vielem Gerede
Plaudernd zu dehnen den Tag und strebte, die wachsamen Augen
Einzuwiegen gemach mit dem Spiel auf verbundenen Rohren.
Jener bekämpft jedoch des Schlummers gelinde Bestrickung,
Und obschon sich dem Schlaf ein Teil von den Augen ergeben,
Hält er die anderen wach. Auch fragt er - denn neulich erfunden
War das flötende Spiel -, was Anlass gab zur Erfindung.
13. Syrinx
Drauf sprach also der Gott: "In Arkadiens kalten Gebirgen
War die schönste im Kreis der nonakrischen Hamadryaden
Eine Najade unlängst: die Nymphen nannten sie Syrinx.
Mehrmals war sie bereits entschlüpft den nachstellenden Satyrn
Und den Göttern zumal, die der schattige Wald und das Saatfeld
Hegt. Sie weihte sich ganz der ortygischen Göttin mit Neigung
Und jungfräulichem Sinn. Nach Sitte Dianens gegürtet
Konnte sie täuschen und selbst wohl gelten als Tochter Latonas,
Wär' ihr nicht ein Bogen von Hörn und ein goldener jener.
Doch so täuschte sie auch. Wie sie einst heimging vom Lykaios,
Schaute sie Pan, und das Haupt umwunden mit nadliger Fichte
Hub zu reden er an." Noch war zu erzählen die Rede,
Und wie die Nymphe geflohn, nicht achtend der dringenden Bitten,
Durch pfadloses Gefild, bis dass zu des sandigen Ladon
Ruhigem Strom sie gelangt und, als ihr die Wellen versperrten
Weiteren Lauf, um Wandlung gefleht zu den flüssigen Schwestern;
Wie dann Pan, da schon er gedachte zu haschen die Syrinx,
Statt der Nymphe Gestalt Schilfrohr in den Armen gehalten,
Und, als seufzend er stand, die wehende Luft in dem Schilfe
Leises Geflüster erregt, das ähnlich ertönte wie Klage,
Wie er entzückt vom Zauber des Tons und der neuen Erfindung
Hatte gesagt: "Das soll fortan uns beide vereinen!"
Und an den Halmen sodann, die er ungleich untereinander
Hatte verbunden mit Wachs, den Namen des Mädchens erhalten.
Solches zu sagen bereit sah schon der kyllenische Jüngling
Alle die Wimpern gesenkt und verdeckt vom Schlummer die Augen.
Gleich nun hält er die Stimme zurück und verstärkt die Betäubung,
Mit dem bezaubernden Stab die schläfrigen Lider bestreichend.
Rasch dann führt er den Streich auf den Nickenden mit dem gekrümmten
Schwert, wo das Haupt sich schließt an den Hals, und stürzt ihn vom Felsen
Blutig hinab und befleckt das schroffe Gestein mit dem Blute.
Argos, du liegst, und das Licht, das so viel Leuchten erfüllte,
Ist dir verlöscht, und es hüllt ein Dunkel das Hundert von Augen.
Iuno nimmt sie heraus und setzt in des heiligen Vogels
Federn sie ein und füllt den Schweif mit gestirnten Juwelen.
Zornig entbrannte sie jetzt und verschob nicht länger die Rache.
Graunvoll rückt sie dem Blick und dem Geist der argolischen Buhle
Vor der Erinys Gestalt und senkt verborgene Stacheln
Ihr in die Brust und jagt sie im Schreck rings über den Erdkreis.
Du warst übrig zuletzt, Nilstrom, der unendlichen Drangsal.
Als sie diesen erreicht, da sank sie am Rande des Ufers
Nieder, die Knie gebeugt, und mit rückwärts strebendem Nacken,
Was allein ihr vergönnt, das Gesicht zu den Sternen erhebend
Schien sie mit Klagegestöhn und Tränen und schmerzlichem Brüllen,
Iupiter zeihend der Schuld, zu erflehen ein Ende der Leiden.
Da bat jener, den Arm um den Hals der Gemahlin geschlungen,
Endlich zu setzen ein Ziel der strafenden Pein: "Für die Zukunft",
Sprach er, "banne die Furcht! Nie soll Ursache des Schmerzes
Io dir sein." Und er heißt es vernehmen die stygischen Sümpfe.
Als nun Iuno erweicht, nimmt jene das frühere Antlitz
Wieder und wird wie zuvor. Von dem Körper entweichen die Haare;
Schrumpfend vergeht das Gehörn; eng ziehn sich die Kreise der Augen,
Schmäler das Maul; nun kehren zurück die Schultern und Hände;
In fünf Zehen geteilt allmählich verliert sich die Klaue;
Und nichts bleibt an ihr von der Kuh als die blendende Weiße.
Aufrecht schreitet begnügt mit nur zwei Füßen die Nymphe;
Worte getraut sie sich kaum, dass nicht nach Sitte des Rindes
Brülle der Mund, und versucht sich verzagt abbrechend im Reden.
14. Phaeton
Leinwand tragende Schar ehrt jetzt die gefeierte Göttin.
Ihr wird endlich geglaubt, dass Epaphos sei von des großen
Iupiter Samen gezeugt, und rings in den Städten besitzt er
Tempel der Mutter gesellt. An Stolz war ihm wie an Jahren
Phaethon gleich, Sols Sohn. Als der einst prahlte mit Hochmut
Und vor ihm nicht wich und sich rühmte des Phoibos als Zeugers,
Trug's nicht Inachos' Sproß: "Du glaubst auch", sprach er, "der Mutter
Alles, du Tor! Dich bläht das Bild des erlogenen Vaters."
Phaethon glüht' im Gesicht, und die Scham nur hemmte den Jähzorn,
Und vor Klymene bracht' er des Epaphos Schmähung und sagte:
"Dass du, Mutter, es recht auch fühlst, ich habe geschwiegen,
Ich so trotzig und keck. O Schmach, dass jener den Vorwurf
Mir zu sagen vermocht, und ich ihn nicht zu entkräften!
Aber wenn anders ich bin aus himmlischem Samen entsprossen,
Gib mir Beweis von dem hohen Geschlecht, mir den Himmel zu sichern."
Phaethon sprach's und umfing der Zeugerin Hals, und bei Merops
Und bei dem eigenen Haupt und den Hochzeitsfackeln der Schwestern
Bat er sie, kund zu tun durch ein Zeichen den wirklichen Vater.
Klymene, mochte sie nun mehr folgen den Bitten des Sohnes
Oder dem Zorn, den gab die Beschuldigung, streckte die
Beide zum Himmel empor, und schauend zum Glanze des Phoibos
Sagte sie: "Dort bei dem Licht in der Pracht hellblitzender Strahlen
Schwör' ich dir, Sohn, bei dem Licht, das uns anhöret und anblickt:
Er, den droben du siehst, ja, Sol, der Erquicker des Weltalls,
Hat dich gezeugt. Ist Lüge mein Wort, dann geb' er sich nimmer
Mir zu schaun, dann scheine der Tag mir heute zum letzten.
Leicht ist die Mühe für dich, die Penaten des Vaters zu finden:
Nah angrenzt das Haus, wo er aufsteigt, unserem Lande.
Bist du gewillt, geh hin, und er wird dich selber belehren."
Phaethon springt sogleich, als solches die Mutter geredet,
Auf in freudiger Hast, und im Geist umfasst er den Aither.
Sein Aithiopenvolk durcheilt er rasch und die Inder
Unter dem heißen Gestirn und erreicht Sols östliche Wohnung.
aus "Metamorphoseon libri" (Bücher der Verwandlungen)
Ovid(ca.1-8Jhd n.Chr.)
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